Die sieben Todsünden gehören zu jenen religiösen Konzepten, die kulturell erstaunlich präsent sind und zugleich kaum verstanden werden. Sie tauchen in Filmen wie Se7en von David Fincher auf, in Fritz Langs Metropolis, in Dantes Divina Commedia, in Kirchenfresken, Skulpturen und selbst in Werbekampagnen. Vielleicht erinnert sich ja noch die eine oder der andere an die Magnum-Eis-Aktion der frühen 2000er Jahre, die einen Sommer lang mit den sieben Todsünden spielte und sie als ironisiertes Genussversprechen inszenierte:

Grund genug für Elaine Rudolphi, Theologin und Seelsorgerin, und mich, in der neuen Folge unseres Podcasts einmal nachzuforschen, was es mit den sieben Todsünden auf sich hat:
Die Todsünden – ein popkultureller Dauerbrenner mit theologischer Tiefenschärfe
Obwohl die Todsünden in Film, Serien und in der Werbung derart präsent sind, zeigt sich ein paradoxes Bild. Denn fragt man Menschen danach, welche Todsünden es eigentlich gibt, endet die Aufzählung meist nach wenigen Begriffen. Vieles verschwimmt, manches wird verwechselt, anderes bleibt bloße Ahnung. Theologisch betrachtet ist das weniger problematisch, als es scheint, denn streng genommen gibt es „die“ sieben Todsünden gar nicht, zumindest nicht in dem populären Sinn, in dem sie heute oft kursieren.
Elaine insistiert zunächst einmal, dass wir über Todsünden nicht sprechen können, ohne zuerst über den Begriff Sünde selbst zu reden. Und dieser Begriff wird, so ihre Diagnose, in der Gegenwart entweder verharmlost oder dämonisiert.
Sünde als Beziehungsgeschehen, nicht als moralischer Fehltritt
„Ich glaube, wir haben heute ein sehr gestörtes Verhältnis zum Wort Sünde“, erklärt Elaine im Gespräch. Entweder werde Sünde banalisiert, als kleine Verfehlung im Alltag, oder sie werde so überhöht, dass Menschen sich vorstellen, man fiele dadurch vollständig aus Gottes Blick heraus. Beides, so ihre theologische Position, verfehlt den Kern.
In der heutigen katholischen Theologie wird Sünde nicht als bloßer Regelverstoß verstanden. Sie ist kein Automatismus und kein Versehen. Sünde setzt Wissen und Wollen voraus. Entscheidend ist dabei nicht die Tat an sich, sondern der Schaden, der bewusst in Kauf genommen wird. Elaine formuliert es prägnant: Sünde bedeutet, wissentlich Beziehung zu stören oder zu kappen. Die Beziehung zu mir selbst, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott.
Damit verschiebt sich der Fokus grundlegend. Die Zehn Gebote erscheinen nicht mehr als „juristischer Strafenkatalog“, sondern als Orientierungshilfe. Sie markieren jene Lebensbereiche, in denen Beziehung besonders verletzlich ist. In dieser Lesart ist Sünde kein gelegentliches Scheitern aus Überforderung, sondern eine Haltung, die auf Zerstörung zielt.
Der Kirchenvater Augustinus hatte diesen Gedanken bereits im 4. Jahrhundert formuliert, als er Sünde als aversio a Deo, als Abwendung von Gott, beschrieb. Nicht der einzelne Fehltritt ist entscheidend, sondern die innere Richtung.
Todsünde als absolute Haltung
Was macht nun aber eine Todsünde zur Todsünde? Historisch war damit die Vorstellung verbunden, dass eine solche Sünde den Menschen unmittelbar von Gott trennt und ihn im Moment des Todes ohne Umkehr verdammt. Elaine nimmt diese Tradition ernst, löst sie aber zugleich von ihrem drohenden Klang.
Theologisch, so ihre Einordnung, geht es bei Todsünden um Absolutheit. Um die bewusste Totalverweigerung von Beziehung. Nicht darum, dass jemand einmal zornig, neidisch oder maßlos ist, sondern darum, dass sich eine Haltung verfestigt, die Leben grundsätzlich blockiert. Daher rührt auch der Wortteil „Tod“. Nicht im biologischen Sinn, sondern im relationalen.
Ob ein Mensch tatsächlich zu einer solchen Totalverweigerung fähig ist, lässt sie offen. „Wir sind Leben, das Leben will“, sagt sie. Selbst dort, wo Menschen sich verrannt haben, bleibt oft ein Rest von Sehnsucht nach Beziehung. Genau deshalb sind Todsünden nicht in erster Linie als Taten zu verstehen, sondern als Voraussetzungen.
Elaine verwendet dafür ein ungewöhnliches Bild: Todsünden sind kein Verbrechen an sich, sondern ein Mistbeet. Ein Nährboden, auf dem konkrete Sünden wachsen können.

Die sieben klassischen Haltungen und ihre Dynamik
Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit bezeichnen keine einzelnen Handlungen, sondern Grundhaltungen. Diese Liste ist nicht biblisch im engeren Sinn, sie findet sich so weder im Alten noch im Neuen Testament. Ihre Wurzeln liegen bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern des 4. Jahrhunderts, insbesondere bei Evagrius Ponticus und Johannes Cassian.
Evagrius beschreibt in seinem Antirrhetikos innere Gedanken und Versuchungen, die den Menschen von Gott wegführen. Cassian systematisiert diese Beobachtungen in seinen Collationes und prägt damit eine Tradition, die später zur bekannten Siebenerliste verdichtet wird.
Entscheidend ist der Blick auf das Spektrum. Keine dieser Haltungen beginnt im Extrem. Hochmut beginnt nicht beim offenen Größenwahn, sondern bei subtiler Überheblichkeit. Geiz beginnt nicht beim Geldspeicher, sondern bei der Angst, etwas herzugeben. Wollust ist nicht auf Sexualität beschränkt, sondern meint jedes Übermaß, jede Grenzüberschreitung, in der Maß verloren geht. Völlerei ist nicht das Essen selbst, sondern der Verlust des Sinns von Nahrung oder, wie Elaine es auf den Punkt bringt: „Wenn ich so viel esse, dass ich gleich wieder kotzen muss, ignoriere ich den guten Sinn von Nahrung.“
Trägheit, Acedia und der Mittagsdämon
Besonders spannend ist die Trägheit, die im Deutschen auch oft mit Faulheit übersetzt wird, manchmal ebenso mit Ignoranz. Der theologische Begriff dahinter ist Acedia. Und der meint etwas anderes. Am treffendsten lasse er sich, so Elaine, mit Überdruss übersetzen.
Überdruss beschreibt jenen schleichenden Prozess, in dem etwas, das man einmal geliebt hat, langsam seine Lebendigkeit verliert. Eine Beziehung. Eine Aufgabe. Der eigene Glaube. Nicht, weil etwas Spektakuläres passiert wäre, sondern weil zu wenig investiert wurde.
Die Wüstenväter nannten diesen Zustand den „Mittagsdämon“. In der Hitze der Wüste, wenn alles stillsteht, stellt sich eine lähmende Unlust ein. Moderne psychologische Deutungen erkennen darin depressive Elemente. Elaine Rudolphi widerspricht dem nicht, betont aber den theologischen Kern: Acedia ist die gefährlichste Haltung, weil sie leise dazu führt, Beziehung aufzugeben.
Wachsamkeit statt Angst, Gegenmittel statt Moralkeule
Die frühe monastische Tradition wusste, dass bloße Benennung nicht reicht. Deshalb entstanden früh Gegenkonzepte, in denen problematischen Haltungen bewusst andere Haltungen entgegengesetzt werden: Geiz wird nicht mit Schuldgefühlen bekämpft, sondern mit Großzügigkeit. Hochmut nicht mit Beschämung, sondern mit Demut.
Elaine betont, dass es nie darum ging, Menschen mit solchen Listen von Todsünden Angst zu machen. Vielmehr gehe es um wache Achtsamkeit. Nicht um Selbstoptimierung, sondern um Aufmerksamkeit für die eigenen inneren Bewegungen. Die Todsünden seien kein Abhak-Katalog, sondern ein Spiegel.
Dass diese Haltungen kulturell bis heute präsent sind, erklärt sich aus ihrer anthropologischen Tiefe. In der Bibel tauchen sie in erzählerischer Form auf. Kain und Abel erzählen von Neid. Judas von Habgier. Die Versuchungen Jesu in der Wüste, wie sie im Matthäusevangelium geschildert werden, bündeln zentrale menschliche Versuchungen. Dante hat diese Dynamiken literarisch zugespitzt, die bildende Kunst hat sie über Jahrhunderte visualisiert, bis hinein in zeitgenössische Skulpturen des 21. Jahrhunderts.
Ein Spiegel für das eigene Leben
Ein Punkt ist Elaine dabei besonders wichtig. Diese Liste ist erst recht kein Instrument, um andere zu analysieren oder zu verurteilen. Wer Todsünden dazu nutzt, das Verhalten anderer zu taxieren, ist bereits in die erste eigene Fehlhaltung geraten. „Das ist keine Bratpfanne, die ich dem anderen über den Kopf ziehe“, sagt sie. Der biblische Hinweis auf den Balken im eigenen Auge sei hier ernst zu nehmen.
Richtig verstanden dienen die Todsünden also dem besseren Leben. Sie zeigen, wo Beziehung gefährdet ist und wo Freiheit beginnt. Sie erinnern daran, dass wir nicht Opfer unserer Muster sind, sondern fähig zur Korrektur. Diese Sünden-Liste soll uns nicht ängstigen, sondern helfen, achtsam zu bleiben.
Am Ende öffnet sich der Blick auf ein Gegenkonzept, das eng mit den Todsünden verbunden ist: die Kardinaltugenden. Sie sind keine moralische Kehrseite, sondern Antworten auf dieselben menschlichen Grundspannungen. Doch das ist eine andere Suche…
Zusammengefasst sagen die sieben Todsünden uns weniger darüber, wie schlecht der Mensch ist, als vielmehr davon, wie verletzlich Beziehung ist. Und vielleicht liegt genau darin ihre ungebrochene Aktualität.



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