Der Zyniker als Menschenführer: Jackson Lamb und die Kunst, Führung zu verweigern


Es gibt Figuren, die führen, obwohl sie alles tun, um das Gegenteil zu beweisen. Jackson Lamb gehört zu ihnen. In meiner aktuellen Lieblingsserie, Mick Herrons Slow Horses auf Apple TV, ist er der heruntergekommene Chef einer Abteilung ausgesonderter MI5-Agenten: Menschen, die zu langsam, zu widerspenstig, zu menschlich waren für die glänzenden Flure des Geheimdienstes. Slough House, so heißt dieser Ort des Scheiterns, und er ist eigentlich kein Büro, sondern vielmehr eine Strafe. Und für die Bestraften ist Lamb ihr Wärter. Oder, genauer gesagt, ihr Hirte.

Hinter seiner schmutzigen Fassade, den beleidigenden Kommentaren, den stinkenden Tüten vom Asia-Imbiss und dem endlosen Kettenrauchen verbirgt sich trotz allem ein Leader, der auf paradoxe Weise das verkörpert, was moderne Führung oft nur behauptet: Authentizität, Loyalität und Haltung.

Führung im Schatten

Jackson Lamb ist wahrlich kein Vorbild und gerade deshalb glaubwürdig. Er weiß, dass das System, in dem er operiert, moralisch korrupt ist. Die Zentrale intrigiert und vertuscht, sie opfert Menschen für politische Machtspiele. Lambs Zynismus ist keine Charakterfrage, sondern ein Schutzmechanismus. Seine Verachtung gilt nicht den Menschen, sondern eben diesen Fassaden. Daher verweigert er auch die Fassade der Professionalität, weil er die Wahrheit der Unprofessionalität kennt.

Führung im Schatten bedeutet hier, nicht mehr zu glänzen, sondern zu schützen. Lamb nimmt seine Außenseiterrolle an, um anderen die Möglichkeit zu geben, sich zu rehabilitieren. Er führt, indem er die Idee von Führung unterläuft, ein „servant leader“ im Tarnmodus. Robert Greenleaf, der Begründer dieses Ansatzes, schrieb einst: „The servant-leader is servant first. It begins with the natural feeling that one wants to serve, to serve first.“ Lamb würde diesen Satz verfluchen und ihn zugleich leben.

Zynischer Humanismus

Was Lamb auszeichnet, ist sein seltsamer Doppelblick. Er sieht das Schlechteste im Menschen, ohne an dem Guten zu zweifeln. Seine Beleidigungen, seine Ironie, seine ständiges Lästern sind Ausdruck eines radikalen Realismus, der Menschen nicht idealisiert, sondern ernst nimmt. Er hat keine Geduld für Schwäche, aber unendlich viel Verständnis für Fehler.

Deshalb sind seine Beleidigungen etwas anderes als reine Geringschätzung. Sie sind Prüfsteine. Er reizt die Eitelkeit, die Illusion und die Selbstüberschätzung seiner Leute aus, nicht um sie zu brechen, sondern um sie klarer zu machen. Seine Ironie ist kein sadistisches Spiel, sondern ein Werkzeug, um Schichten abzutragen. Wer bei Lamb arbeitet, bekommt keine Komplimente, sondern Konfrontation. Und genau daraus entsteht Tiefe. Menschen, die nicht idealisiert werden, werden ernster genommen.

Seine Ungeduld für Schwäche wirkt hart, ist aber präzise. Schwäche und Fehler sind für ihn nicht dasselbe. Schwäche ist eine Art Selbstbetrug, eine Ausrede, ein Festhalten an Vorstellungen, die die Realität nicht tragen. Fehler dagegen sind unvermeidlich. Sie gehören zu menschlichem Handeln, vor allem im Kontext von Risiko, Loyalität und erst recht von Geheimdienstarbeit. Fehler kann er schützen, Schwäche nicht. Deshalb deckt er Schwäche auf und Fehler zu. Beides sind Formen des Respekts.

In der Führungspsychologie gibt es für diesen Stil eine Beschreibung: „negative Charismatik“. Das bedeutet, dass die Führungskraft nicht über Charme, Vision oder Inspiration wirkt, sondern über das, was sie wegnimmt. Lamb nimmt Illusionen, falsche Gewissheiten, Selbstdarstellungen. Er inspiriert nicht durch das, was er gibt, sondern durch das, was er zerstört. Die Energie entsteht aus Enttäuschung, nicht aus Begeisterung.

Edgar Schein hat einmal den Begriff der „humble inquiry“ geprägt. Gemeint ist eine fragende Grundhaltung, die Menschen Raum gibt, sich selbst zu erklären. Führung entsteht durch echtes Zuhören, nicht durch Vorgaben. Auf den ersten Blick scheint Lamb das Gegenteil zu sein. Er hört nicht zu, er fragt nicht, er kommentiert nur. Doch genau hier liegt der paradoxe Effekt. Durch seine radikale Direktheit zwingt er andere, sich selbst Fragen zu stellen, statt ihm Antworten zu liefern.

Das macht seine Form der Führung ungewöhnlich, aber wirksam. Lamb schafft keinen geschützten Dialograum, er schafft einen Spiegelraum. Er zwingt zur Selbstklärung, weil er jeden Versuch, ihm etwas vorzuspielen, sofort durchschaut. Und wer durchschaut wird, hört auf, Theater zu spielen. Dadurch entsteht eine Echtheit, die viele moderne Führungssituationen gar nicht mehr erreichen, weil dort die Fassade wichtiger geworden ist als die Klärung.

Lamb führt also nicht durch Charisma, sondern durch Klarheit. Nicht durch Inspiration, sondern durch Entlarvung. Nicht durch Fragen, sondern durch die Unmöglichkeit, sich vor den eigenen Antworten zu verstecken.

Die Moral der Unmoral

Was bei Lamb wie Unmoral aussieht, ist in Wahrheit eine Ethik der Verantwortung. Er belügt, um zu schützen, und er täuscht, um Wahrheit ans Licht zu bringen. Er demütigt seine Leute, um sie zu lehren. Aber wenn es darauf ankommt, riskiert er alles für sie, auch wenn er sie dabei gleichzeitig zur Hölle schickt.

Max Weber unterschied einmal zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Die Gesinnungsethik misst eine Handlung an ihrer inneren Reinheit. Entscheidend ist die Absicht. Wer gesinnungsethisch handelt, hält sich selbst für moralisch integer, auch wenn das Ergebnis scheitert. Die Verantwortungsethik funktioniert umgekehrt. Sie misst eine Handlung an ihren Folgen. Entscheidend ist, was real bewirkt wird, nicht was man ursprünglich wollte. Jackson Lamb ist eine exemplarische Verkörperung dieser Verantwortungsethik. Er richtet seinen Kompass nicht nach Idealbildern, sondern nach Konsequenzen. Eine Lüge ist für ihn dann legitim, wenn sie jemanden schützt. Ein Regelbruch ist vertretbar, wenn er Schaden verhindert. Ein rüder Umgangston ist akzeptabel, wenn er sein Team wachhält und funktionsfähig macht. Er bewertet Moral also nicht nach Reinheit, sondern nach Wirksamkeit.

Lamb ist daher der Inbegriff dieser Verantwortungsethik. Er fragt nicht, ob eine Handlung rein ist, sondern ob sie richtig ist. Die Diskrepanz entsteht erst, weil Verantwortungsethik selten elegant aussieht. Sie ist nicht darauf aus, moralisch zu glänzen, sondern praktische Folgen zu tragen. Genau darin liegt ihre Qualität. Verantwortungsethik ist die Ethik der Erwachsenen, die Ethik derer, die Entscheidungen treffen müssen, die Ethik derer, die die Last der Folgen aushalten. Lamb zeigt, dass Haltung nicht im moralischen Idealbild liegt, sondern im Mut, die Konsequenzen zu tragen. In einer Welt, die sich gern moralisch inszeniert, wirkt das schmutzig. In Wahrheit ist es schlicht: erwachsen.

Respekt trotz Abscheu

Lambs Team hasst und bewundert ihn zugleich. Er beschimpft sie, unterbricht sie, stellt sie bloß, und dennoch bleibt er ihr Fixpunkt. Zwischen ihm und seinen „Slow Horses“ herrscht eine seltsame Form von Nähe, eine Mischung aus gegenseitiger Abneigung, professioneller Abhängigkeit und unausgesprochenem Respekt.

Psychologisch betrachtet ist das eine Bindung, die auf sehr paradoxen Loyalitätsmechanismen basiert. Er zerstört Hierarchien, indem er sie karikiert. Seine Respektlosigkeit ist kein Machtspiel, sondern eine Form von Gleichmachung. Niemand steht über dem anderen, auch er nicht. Und vielleicht ist es genau diese Form der entlarvenden Gleichgültigkeit, die in Wahrheit Nähe erzeugt.

Jackson Lamb schafft es, ein Klima zu erzeugen, in dem man sich nicht sicher fühlt, aber verstanden. Er ist der Beweis, dass psychologische Sicherheit nicht immer aus Freundlichkeit entsteht, sondern aus Berechenbarkeit. Man weiß, woran man bei ihm ist, und das genügt.

Psychologische Sicherheit im rauen Klima

Wer Slow Horses sieht, merkt schnell, dass dieses Team nicht funktioniert, obwohl es rau zugeht, sondern weil es rau zugeht. Die Beleidigungen, der Zigarettengeruch und die ständig durchbrochene Professionalität wirken wie Symptome einer dysfunktionalen Kultur. In Wahrheit markieren sie jedoch etwas anderes: ein Klima der Verlässlichkeit. In vielen modernen Organisationen ist das verloren gegangen. Dort herrschen Verhaltensskripte, diplomatische Höflichkeit und gut gemeinte Teamrituale, während die eigentlichen Probleme unausgesprochen bleiben. Der äußere Ton ist weich, die innere Unsicherheit hart.

Lamb dreht dieses Verhältnis um. Er ist hart im Ton, aber verlässlich in der Haltung. Seine Unberechenbarkeit hat dabei durchaus ein Muster. Man weiß, dass er schimpft, dass er provoziert, dass er alle bloßstellen kann. Aber man weiß ebenso, dass er bleibt. Dass er nicht abtaucht, wenn es ernst wird. Dass er keine Loyalität fordert, aber Loyalität schenkt. Seine Leute erleben ihn als jemanden, der nicht nett tut, um später taktisch zu handeln. Sie erleben jemanden, der anwesend bleibt, selbst wenn alles in Scherben liegt. Genau daraus entsteht Bindung.

Amy Edmondson beschrieb psychologische Sicherheit als das Gefühl, keine Angst vor Demütigung oder sozialer Sanktion haben zu müssen, wenn man sich zeigt wie man ist. Die meisten lesen das als Plädoyer für Freundlichkeit, Achtsamkeit und einladende Kommunikation. Doch Edmondson betont, dass psychologische Sicherheit nicht automatisch mit Nettigkeit gleichzusetzen ist. Der Kern liegt im Vertrauen auf Verlässlichkeit. Es herrscht Gewissheit, dass die Reaktionen vorhersehbar sind, und dass Fehler nicht zu Abschottung führen. Konflikte führen eben nicht zur Spaltung.

Jackson Lamb verkörpert diesen Punkt auf paradoxe Weise. Seine Härte ist äußerst konsistent. Seine Respektlosigkeit ist nie strategisch, sondern stets Ausdruck einer grundsätzlichen Ehrlichkeit. Und in dieser Ehrlichkeit liegt Sicherheit. Seine Mitarbeiter müssen keine subtilen sozialen Codes entziffern, keine höflichen Fassaden deuten, oder unausgesprochenen Erwartungen erraten. Die Beziehung mag roh sein, aber sie ist klar. Und aus dieser Klarheit entsteht etwas, das in vielen modernen Teams fehlt: die Erfahrung, dass man sich auf jemanden verlassen kann, selbst wenn er nervt.

Lamb zeigt damit, dass psychologische Sicherheit nicht durch Sanftheit entsteht, sondern durch Transparenz in den Beziehungen. Man weiß, wie er reagiert. Man weiß, was er duldet. Man weiß, wo er die Grenze zieht, auch wenn er sie nie formell benennt. In einem Umfeld der Geheimdienste, also einem System, das von Misstrauen lebt, wird Lamb zur unwahrscheinlichsten Quelle von Vertrauen. Er schafft Sicherheit nicht durch Harmonie, sondern durch seine Konsequenz.

Das ist für mich die eigentliche Pointe: Die weichste Sicherheit entsteht manchmal in der rauesten Umgebung, wenn man weiß, dass jemand bleibt. Lamb beweist das immer wieder. Denn seine ruppige Art schafft paradoxerweise mehr Sicherheit als jede weichgespülte Teamentwicklung, weil sie ehrlich ist.

Führung durch Widerstand

Wenn man Jackson Lamb in die Gegenwart holt, wird sichtbar, dass sein Führungsstil eine Form von resistant leadership ist. Dieser Begriff beschreibt eine Art von Führung, die sich nicht als Verlängerung organisationaler Logik versteht, sondern als bewusster Gegenpol. Lamb führt nicht, indem er das System optimiert, sondern indem er sich ihm widersetzt. Seine Haltung entsteht aus der Einsicht, dass große, hierarchische Strukturen dazu neigen, Menschen zu instrumentalisieren. Organisationen tun nicht absichtlich Böses, aber sie erzeugen Routinen, bei denen Effizienz über Beziehung steht, Loyalität wichtiger ist als Integrität und Karriere mehr zählt als Verantwortung.

Lamb widerspricht dieser Mechanik auf jeder Ebene. Er führt nicht für die Organisation, sondern gegen ihre Entgleisungen. Er sabotiert bürokratische Formalitäten, wenn sie seinen Leuten schaden. Er ignoriert Regeln, wenn sie menschliche Realität verdecken. Er schützt Menschen, die für das System wertlos geworden sind, indem er die Systemlogik verweigert. Sein zynischer Ton ist keine Kapitulation, sondern Protest. In ihm steckt die Botschaft: Wer führen will, darf sich nicht mit der Organisation verwechseln.

Dieser Gedanke trifft moderne Führungskräfte an einem wunden Punkt. Denn sie sollen ja Effizienz steigern und gleichzeitig den Menschen sehen. Sie sollen Kontrolle herstellen und gleichzeitig Vertrauen fördern. Und ganz aktuell sollen sie KI einführen und gleichzeitig Ängste nehmen. Führungskräfte sollen Sinn erzeugen, obwohl sie selbst oft in Strukturen arbeiten, die Sinn nicht belohnen. Lamb verkörpert die Antwort darauf: Du musst das System als begrenzt erkennen, sonst wirst du zu seiner Stimme und nicht zum Gegenüber deiner Mitarbeiter.

Seine Form von Widerstand ist leise. Er hält keine Reden über Menschlichkeit. Er stellt keine Prinzipien zur Schau. Er macht es schlicht. Das ist die eigentliche Bedeutung hinter Simon Sineks Satz „Leaders eat last“. Lamb würde den Satz sofort verwerfen, weil er pathetisch klingt, aber er lebt ihn, weil er praktisch ist. Er frisst den Dreck, damit seine Leute ihn nicht schlucken müssen.

Das ist die belastbarste Art von Fürsorge, die resistant leadership eigentlich ausmacht. Führung als Puffer und Stoßdämpfer. Führung als Entscheidung, den Druck der Organisation nicht ungebremst nach unten durchzureichen. Lamb schützt eben nicht durch schöne Worte, sondern durch Handlung. Nicht durch moralische Selbstdarstellung, sondern durch robustes Mittragen. Er kümmert sich, indem er die Schläge nimmt, die andere nicht aushalten würden.

Im Kern sagt dieser Führungsstil: Menschenführung bedeutet nicht, das System zu perfektionieren, sondern seine blinden Flecken zu kompensieren. Die Organisation denkt in Prozessen. Lamb denkt in Personen. Die Organisation achtet auf Effizienz. Lamb achtet auf Überleben. Und genau aus diesem Widerspruch entsteht Führung, die nicht poliert wirkt, sondern notwendig.

Was wir von Jackson Lamb lernen können

Führungskräfte, die Lamb beobachten, können mehr mitnehmen, als sie zunächst glauben. Seine Form von Führung funktioniert, weil sie ehrlich ist und weil sie den Menschen hinter der Rolle erkennt.

  • Authentizität schlägt Etikette. Lambs vulgäre Ehrlichkeit ist wirksamer als jede höfliche Falschheit.
  • Führung braucht Haltung, nicht Hochglanz. Er bleibt moralisch integer, auch wenn alles um ihn herum korrupt ist.
  • Manchmal schützt man Menschen, indem man sie härtet. Zynismus kann zur Resilienzschule werden.
  • Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch Milde, sondern durch Verlässlichkeit.
  • Das System ist nicht die Führung, der Mensch ist es. Lamb zeigt, auch im Schatten kann man leuchten.

Diese Lektionen sind unbequem. Aber vielleicht sind sie genau das, was moderne Organisationen brauchen: weniger Glätte, mehr Charakter.

Der paradoxe Leader

Jackson Lamb ist die Anti-Führungskraft, die Führung beherrscht, weil sie Macht verachtet. Ein moralischer Nihilist mit Verantwortungsethik, ein Meister der Demaskierung, ein Rebell mit Fürsorgeauftrag (so komisch es klingt…)

Führung, so zeigt er uns, besteht nicht darin, andere zu begeistern, sondern sie zu verstehen. Es gilt nicht, sich über das System zu stellen, sondern ihm standzuhalten. Gute Führung gibt keine perfekten Antworten, sondern hält menschliche Widersprüche aus.

Oder, um es in Lambs eigenem Tonfall gesagt: „The job’s not about looking good. It’s about not screwing up when it counts.“

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lektion.
Führung ist kein Glanz, sondern Haltung im Dreck.

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