E. M. Forster war kein Managementtheoretiker, sondern Autor („Zimmer mit Aussicht“, „Wiedersehen in Howards End“) und Humanist. Als er 1910 in Howards End die berühmten Worte „Only connect“ schrieb, meinte er natürlich nicht die Verbindung von Systemen oder Strukturen, sondern von Menschen. Sein Appell richtete sich damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an eine Gesellschaft, die sich in Vernunft und Gefühl, Besitz und Bildung, Fortschritt und Entfremdung aufspaltete. Forster sah darin die eigentliche Krankheit der Moderne: das Auseinanderfallen des Ganzen.
„Only connect the prose and the passion, and both will be exalted, and human love will be seen at its height.“
(„Verbinde das Nüchterne und das Leidenschaftliche, und beides wird sich erhöhen, und die menschliche Liebe wird in ihrer höchsten Form sichtbar werden.“)
In diesem Satz verdichtet sich Forsters humanistisches Weltbild: Menschlichkeit entsteht, wenn Vernunft und Empfindung einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig tragen. Wer nur eines davon lebt, verliert die Balance; wer beide verbindet, wird ganz. Forsters Humanismus gründete auf der Überzeugung, dass der Mensch erst in der Begegnung mit dem Anderen sich selbst begreift. Wer sich abschottet, verliert nicht nur die anderen, sondern auch die eigene Tiefe.

Verbindung als Haltung der Führung
Über ein Jahrhundert später lässt sich Forsters Satz wie ein stilles Gegenprogramm zu vielen Formen moderner Führung lesen. Auch heute droht das, was Menschen leitet und motiviert, auseinander-zufallen: Zahlen und Daten ohne Bedeutung, Kommunikation ohne wirklichen Kontakt, Effizienz ohne jegliche Empathie.
Führung wird allerdings erst dort lebendig werden, wo sie das wieder zusammenführt, was im Alltag auseinanderdriftet.
Hannah Arendt schrieb in Vita activa:
„Macht entsteht nur, wo Menschen sich zusammenschließen und gemeinsam handeln.“
Damit beschreibt sie genau das, was Forster ahnte, nämlich dass menschliche Wirksamkeit nie in der Isolation liegt, sondern in der Verbindung. Führung ist dann nicht das Ausüben von Macht über andere, sondern das Eröffnen eines gemeinsamen Raums, in dem Verantwortung geteilt wird. Wer in diesem Sinne führt, erzeugt nicht Gehorsam, sondern Beteiligung.
„Only connect“ ist damit mehr als ein Zitat, es ist ein Prüfstein. Es erinnert daran, dass Leitung immer Beziehungsarbeit ist. Wer führt, sollte nicht zuerst fragen, wie Menschen funktionieren, sondern wie sie verbunden bleiben. Forsters Gedanke fordert, sowohl den Verstand als auch das Mitgefühl ernst zu nehmen, Entscheidungen also so zu treffen, dass sie verstanden werden und zugleich tragen.
Kopf und Herz im gleichen Gespräch
Forster sprach vom Wunsch, „prose and passion“ zu verbinden, das Nüchterne mit dem Lebendigen. Diese Formel beschreibt erstaunlich genau, was Führung heute braucht: Klarheit ohne Kälte, Nähe ohne Beliebigkeit. Eine Führungskraft, die beide Ebenen integriert, schafft Resonanz, sie wirkt nicht durch Lautstärke, sondern durch Verbindung.
Martin Buber hat diesen Gedanken existenziell vertieft, als er schrieb:
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
Führung, die auf Begegnung gründet, sieht Menschen nicht als Funktionen, sondern als Gegenüber. Sie erkennt an, dass jedes Gespräch ein Moment der Gestaltung ist, nicht nur von Aufgaben, sondern von Beziehungen. Wo dieser Dialog gelingt, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die Währung, in der Führung ausgezahlt wird.
In Zeiten digitaler Kommunikation, in denen Gespräche oft zu Abläufen werden, ist dies vielleicht die wichtigste Kompetenz: präsent zu sein, ohne permanent sichtbar sein zu müssen. Wirkung entsteht nicht durch Dauerpräsenz, sondern durch den Aufbau und die Pflege von bewussten Beziehungen.
Verbundenheit als Kompass
Forsters „Only connect“ kann für Führungskräfte also zu einem Kompass werden. Es erinnert daran, dass Organisationen nur dann lebendig bleiben, wenn Menschen sich als Teil eines Ganzen erleben. Nochmals: Führung heißt nicht, Kontrolle auszuüben, sondern Verbindung zu ermöglichen -nicht nur zwischen Abteilungen, sondern genauso zwischen Zielen und Werten, zwischen Arbeit und Sinn.
„Leadership is the art of conversation – first with yourself, then with the world.“
betont der Poet und Leadership-Denker David Whyte seit den 90er Jahren immer wieder. Und auch das ist Forster pur, nur in heutiger Sprache. Führung beginnt mit innerer Verbindung, mit dem Gespräch zwischen Denken und Fühlen, dem Abgleich von Selbstbild und Weltbild. Wer in sich selbst gespalten führt, kann keine Einheit im Team schaffen.
Und Yuval Noah Harari bringt den Gedanken in unsere Gegenwart, wenn er sagt:
„Empathie ist unsere wichtigste Technologie.“
Das klingt zunächst metaphorisch, doch es beschreibt präzise die Herausforderung unserer Zeit: Inmitten von Daten, Tools und Algorithmen bleibt die Fähigkeit, empathisch zu verbinden, das, was uns menschlich hält.
Only connect.
Ein Jahrhundert alt und doch zeitlos aktuell, als leiser, aber beständiger Hinweis darauf, dass Menschlichkeit kein Widerspruch zu Führung ist, sondern ihre Voraussetzung. Verbindung ist kein Soft Skill, sie ist die Substanz, aus der jede Form von Führung entsteht.


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