TheoQuest: Wie Gott auf den Tisch kam – die Geschichte des heiligen Mahls

Schon wieder ein Jubiläum: In unserer 25. Folge feiern wir nicht nur uns selbst, sondern wenden uns einem Thema zu, das seit zweitausend Jahren mit Ritual, Streit, Symbolik und Gemeinschaft verbunden ist: dem Abendmahl, oder wie Katholik*innen korrekter sagen würden, der Eucharistie.

Warum ausgerechnet das Abendmahl? Ein Thema mit Tradition und Zündstoff

Wie immer sitze ich mit der Theologin und Seelsorgerin Elaine zusammen. Zunächst kokettiere ich ja noch mit der Idee, schon Brot und Wein bereitgestellt zu haben, worauf Elaine mich trocken daran erinnert, dass Katholik*innen erst am Ende mit liturgischer Ernsthaftigkeit genießen dürfen. Humor bleibt, Liturgie bleibt – und das Thema ist gesetzt: Essen, Trinken, Erinnerung und Gemeinschaft.

Das Wort „Abendmahl“ selbst, betont Elaine direkt, stammt aus dem Protestantismus. Luther hat es geprägt; in der katholischen Sprache kommt es nicht vor. Was heute „Eucharistie“ heißt – oder „Abendmahl“ im evangelischen Raum – stammt dabei natürlich nicht aus dem Nichts, sondern steht in einer langen kulturellen, religiösen und sozialen Entwicklung.

Vor dem Christentum: Symposion und Pessach

Das gemeinsame Essen ist keine christliche Erfindung. Im griechisch-hellenistischen Raum standen die Symposien: festliche Gelage mit Gespräch, Wein, Philosophie und sozialer Hierarchie. Im Judentum war das Pessachmahl zentral, ein rituelles Erinnerungsfest an den Auszug aus der Sklaverei.

Elaine macht aber deutlich: Das Christentum ist kein griechischer Seitentrieb, sondern ein jüdischer Spross. Das „letzte Mahl“ Jesu mit seinen Jüngern war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Pessachmahl, auch wenn die Exegese sich über manche Details streitet. Entscheidend ist: Jesus aß und trank immer wieder mit Menschen, besonders mit jenen, die gesellschaftlich als „Outlaws“ galten. Diese Praxis der Tischgemeinschaft ist der eigentliche Ursprung.

Das Neue Testament überliefert nun einen Auftrag, der alles ins Rollen brachte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Die ersten Christinnen und Christen nahmen das ernst und setzten es praktisch um. Die Gemeinschaft traf sich, brach Brot und erinnerte sich an Kreuz und Auferstehung. „Brotbrechen“ war einer der frühesten Begriffe für das, was später Eucharistie heißen sollte.

Warum Brot? Warum Wein? Und was ist mit Fisch und Lamm?

In den Erzählungen tauchen viele Speisen auf: Fisch und Brote bei der Speisung der Fünftausend, Lamm beim Pessachfest, Wein zum Feiern. Trotzdem kristallisierten sich Brot und Wein als zentrale Elemente heraus, nicht sofort, aber schrittweise.

In den ersten Gemeinden brachte jede und jeder etwas mit. Man segnete das Mitgebrachte und teilte es. Heute würden wir sagen: eine liturgische Mahlzeit im Stil eines Potlucks. Doch irgendwann begann der Prozess der Konzentration. Man unterschied stärker zwischen zwei Elementen:

  • dem Gedächtnisteil, der die Selbsthingabe Jesu rituell gegenwärtig machte,
  • und dem Agapemahl, bei dem die Gemeinschaft sich sättigte, stritt, organisierte, feierte.

Diese beiden Ebenen gehörten anfangs zusammen. Erst Gedächtnis, dann Essen. Doch im Laufe der Geschichte trennten sie sich. Die Agape verschwand weitgehend, der sakramentale Kern blieb.

Besonders spannend: Der Begriff „Wein“ steht nicht einmal explizit in den Evangelien, dort ist vom „Kelch“ die Rede. Was darin war, musste später diskutiert werden. Historisch wurde Wein mit Wasser verdünnt, weil antiker Wein ohne Mischung kaum trinkbar war, zu geharzt, gewürzt, konserviert. Dass heute bei jeder katholischen Eucharistie noch Wasser in den Wein gegeben wird, ist ein Relikt dieser Praxis und wurde dann natürlich theologisch gedeutet.

Vom Mitbringen zur Kontrolle: Reinheit, Form und Verantwortung

Die nächste große Entwicklung betrifft die Frage, wer Brot und Wein überhaupt „liefert“. Am Anfang waren es die Menschen selbst. Doch mit der Zeit verschob sich das Verständnis: Qualität, Reinheit und liturgische Ordnung wurden wichtiger.

Elaine erinnert daran, dass die Kirche sich im Osten und Westen sehr unterschiedlich entwickelte. Ein Streitpunkt lautete: gesäuertes oder ungesäuertes Brot? Die Ostkirchen verwenden bis heute gesäuertes Brot. Der Westen entschied sich für ungesäuertes und schuf damit ein Stück Kirchengeschichte und Kirchentrennung.

Auch die Hostie, wie wir sie heute kennen, ist kein uraltes Symbol, sondern eine vergleichsweise neue Form. Im Westen gab es Zeiten, in denen das eucharistische Brot die Form einer Brezel hatte. Erst mit der Institutionalisierung der Liturgie und der Sorge um „würdige Materie“ setzte sich die von der Kirche hergestellte, kreisrunde Hostie durch.

Warum diese Entwicklung? Drei Gründe spielten hinein:

  • Reinheitsgedanke und Qualitätskontrolle („nicht jedes dahergelaufene Brot“)
  • die formalisierte Liturgie, die verbindliche Formen verlangte,
  • und die theologische Verantwortung, dass das, was Christus symbolisiert, nicht dem Zufall überlassen bleibt.

Ein oft übersehener Nebeneffekt: Wo die Kirche sich ausbreitete, brachte sie Wein mit. Der Weinbau in Australien etwa geht auf Jesuiten zurück, nicht aus Genussgründen, sondern für die Eucharistie.

Von der Vergegenwärtigung zur Wandlung: Wie Brot und Wein „mehr“ wurden

Der zentrale Wendepunkt der Eucharistiegeschichte ist jedoch nicht die Form des Brotes oder die Reinheit des Weins, sondern die Überzeugung, dass im Ritual etwas geschieht: Brot und Wein werden gewandelt. Nicht metaphorisch, nicht symbolisch, sondern real: jedenfalls im katholischen Verständnis. Doch dieser Gedanke war nicht von Anfang an Gegenstand komplizierter theologisch-philosophischer Reflexion.

Elaine erklärt: Die frühe Kirche übernahm Jesu Auftrag schlicht – „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – und lebte ihn. Erst viel später, in der Scholastik, begann man zu fragen, was dabei genau geschieht und wie. Der Moment der Wandlung, also die Überzeugung, dass Brot und Wein zu Leib und Blut Christi werden, galt lange als selbstverständlich, bevor man ihn begrifflich einhegte.

Der theologische Begriff, der sich später durchsetzte, stammt aus dieser Zeit: Transsubstantiation. Ein Wort, das sich nicht zufällig sperrig anfühlt. Ohne aristotelische Begriffe wie „Substanz“ und „Akzidenzien“ bleibt es unzugänglich. Die Kurzfassung lautet: Was wir sehen, schmecken, riechen und berühren, die äußere Gestalt, bleibt. Doch das Wesen, die Substanz, wird gewandelt. Der Wein bleibt äußerlich Wein, macht Flecken wie Wein, schmeckt wie Wein – ist aber kein Wein mehr. Er ist Christus. Nicht metaphorisch, nicht symbolisch, sondern real gegenwärtig.

Was bleibt äußerlich – und was verwandelt sich innerlich?

Die Vorstellung klingt vielen heute fremd, manchmal auch kindlich oder magisch. Und genau deshalb betont Elaine den philosophischen Hintergrund. Es geht nicht darum, innen etwas anderes vorzufinden, wenn man die Hostie aufschneidet. Es ist kein Trick, keine Täuschung und keine Materialverwandlung im physikalischen Sinn. Die äußere Form bleibt, die innere Wirklichkeit ändert sich: ein Denkmodell, das ohne die scholastische Metaphysik kaum zu verstehen ist.

Und spätestens hier beginnen die konfessionellen Bruchlinien.

Reformation, Erinnerung und Gegenwart: Wo sich die Wege trennen

Dafür lenke ich den Blick auf die „andere Seite des Altars“: Was bedeutet Wandlung für evangelische Kirchen? Elaine differenziert: Es gibt nicht den einen Protestantismus. Zwei Stränge sind entscheidend: der lutherische und der reformiert-calvinistische.

  • Lutheraner sprechen von Konkonsubstantiation: Brot und Wein werden gewandelt, aber die reale Gegenwart Christi gilt nur für die Dauer der Feier. Ist die Gemeinde auseinandergegangen, endet auch diese sakramentale Wirklichkeit.
  • Reformierte Traditionen (nach Calvin) verstehen das Abendmahl eher als Erinnerungsmahl. Die Gegenwart Christi wird gedacht, nicht gegessen. Man aktualisiert das Erinnern, nicht die Substanz.

Diese Unterschiede sind nicht nur theologischer Streitstoff für Fakultäten, sondern prägen bis heute liturgische Praxis, Sakramentsverständnis und ökumenische Spannung.

Ökumene am Tisch: Zwischen Annäherung und Grenze

Was passiert also, wenn Katholik*innen und Protestant*innen gemeinsam feiern wollen? Wie sieht die konkretes Praxis aus?
Elaine antwortet nüchtern: Es bleibt kompliziert. Die katholische Kirche kennt offiziell keine Interkommunion, außer in Ausnahmefällen echter seelsorglicher Not. Die Begründung ist klar: Eucharistie und Amt hängen eng zusammen, und beides wird konfessionell unterschiedlich verstanden.

Zugleich existieren kirchliche Graubereiche, euphemistisch „eucharistische Gastfreundschaft“ genannt, besonders in Ländern mit gemischten konfessionellen Realitäten. Deutschland gehört dazu. Während die reformatorischen Kirchen sich in der Leuenberger Konkordie bereits auf gemeinsame Mahlpraxis verständigt haben, arbeitet die katholische Kirche an langsameren, vorsichtigeren Modellen. Rechtlich gilt bislang: Gemeinsamer Tisch ja, gemeinsames Sakrament nur sehr eingeschränkt.

Vom Erinnerungsmahl zum Sakrament: Was bleibt, was trennt – und was verbindet

Die Reise vom gemeinsamen Tisch in Jerusalems bis zur liturgisch geordneten Eucharistie des 21. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Nichts an diesem Ritual ist zufällig. Dass Brot und Wein zum Zentrum wurden, war keine spontane Eingebung, sondern Ergebnis von Erfahrung, Praxis, Theologie und Streit. Die frühen Gemeinden aßen gemeinsam, brachen Brot, erinnerten sich – und meinten das nicht symbolisch, sondern real. Erst die späteren Jahrhunderte begannen, das Unsichtbare zu erklären, zu schützen und zu begrenzen.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte, dass viele Unterschiede weniger im Ursprung liegen als in der Deutung. Ob Brot gesäuert oder ungesäuert ist, ob der Kelch geteilt wird, ob man vom „Abendmahl“ oder der „Eucharistie“ spricht, all das sind Ausdrucksformen eines gemeinsamen Gedächtnisses, das sich im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich entfaltet hat.

Der Gesprächsfaden hätte leicht noch Stunden weiterlaufen können. das Thema ist groß und unerschöpflich. Und da das Brotbrechen in der Kirchengeschichte noch viele weitere Bruchlinien, Anekdoten und Entwicklungen kennt, ist klar: Dieser Auftakt verlangt nach einer Fortsetzung.

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