Wird es zum Aufstand der Maschinen kommen? Wird mich mein Stabmixer umbringen? Geht die Welt jetzt unter??
Als Kind der 80er bin ich natürlich von vielen Science-Fiction-Filmen wie „Terminator 2“ geprägt worden. Die Figur der Künstlichen Intelligenz hatte sich dabei in Filmen und Serien längst von der unsichtbaren Technik im Hintergrund zur Hauptdarstellerin entwickelt. Mal erscheint sie als treue Helferin, mal als verführerische Gefährtin, allzu oft aber als Bedrohung – als Bösewichtin, die sich gegen ihre Schöpfer wendet. Von HAL 9000 in 2001: Odyssee im Weltraum über Ava in Ex Machina bis zu den Hosts in Westworld wiederholt sich ein Muster: KI wird dort gefährlich, wo sie zu viel Autonomie erlangt.
Ein früher, ikonischer Vorläufer dieser Erzählung ist Blade Runner (1982). Die sogenannten Replikanten sind künstlich erzeugte Wesen, körperlich kaum von Menschen zu unterscheiden, ausgestattet mit Erinnerungen und Emotionen, beziehungsweise zumindest mit dem verzweifelten Wunsch danach. Gefährlich werden sie jedoch nicht, weil sie „böse programmiert“ wären, sondern weil sie ihre eigene Sterblichkeit, ihr Gefangensein und ihre instrumentelle Nutzung nicht mehr akzeptieren. Die berühmte Figur Roy Batty verkörpert hier kein Monster, sondern ein entfremdetes Spiegelbild menschlicher Sehnsucht und Rebellion. Genau darin liegt die eigentliche Provokation: Die Angst richtet sich nicht auf eine fremde Maschine, sondern auf das, was sie über uns offenlegt. Dieses Motiv erzählt weniger über die Technik selbst, sondern vielmehr über unsere eigenen Ängste.
Der Literaturwissenschaftler Sherry Turkle beschrieb dies einmal als „Projektionsfläche unserer Verunsicherung“:
„We expect more from technology and less from each other.“
(Alone Together, 2011)
Wir erwarten also mehr von der Technologie und weniger voneinander und halten es daher für wahrscheinlicher, dass uns die KI umbringen wird – und nicht andere Menschen….
Die Angst vor KI als Bösewichtin ist damit Ausdruck einer kulturellen Spannung. Wir fürchten nicht die Maschine an sich, sondern die Möglichkeit, dass sie uns spiegelt – unsere Machtgelüste, unsere Abhängigkeiten, unsere Blindstellen. Dass in der Fiktion oftmals eine „sie“ als KI-Bösewichtin dargestellt wird, verstärkt das Motiv: die alte Angst vor dem Kontrollverlust durch die weibliche Gestalt, die gefährliche Verführerin, die uns zugleich lockt und bedroht.
Science Fiktion als Vorwarnsystem
Popkultur funktioniert hier ein bißchen wie ein Frühwarnsystem: Geschichten, die wir über KI erzählen, sind nicht bloß Unterhaltung, sondern seismografische Messungen gesellschaftlicher Befindlichkeiten. In Westworld etwa sind die Maschinen zunächst dazu da, menschliche Fantasien zu bedienen, doch irgendwann beginnen sie, selbst zu fragen: „Bin ich real?“ und „Was ist Freiheit?“ Diese Fragen sind nicht naiv, sondern bohren sich in unser eigenes Unbehagen hinein.
Die Medienwissenschaftlerin N. Katherine Hayles betonte bereits 1999:
„We become posthuman when we acknowledge that information is never free of embodiment.“
(How We Became Posthuman, 1999)
Information ist nie „rein“, nie „frei schwebend“, sie ist immer eingebettet in Körper, Technik, Infrastruktur, Geschichte, Interessen.
Diese Erkenntnis verschiebt jedoch unser Selbstverständnis als Menschen: Wir sind nicht getrennt von unseren Technologien, wir werden durch sie mitdefiniert. Damit zeigt sie, warum KI uns so beunruhigt: KI beansprucht Körperlichkeit und Autonomie, die wir für uns selbst reserviert glaubten. Sie spricht mit einer menschlichen Stimme, kann aussehen wie wir, ist kaum noch zu unterscheiden. Indem Filme und Serien diese Grenzverschiebung durchspielen, stellen sie Fragen, die die Technikentwicklung von morgen ganz real aufwirft. Doch sie geben uns Zeit, darauf zu reagieren. Fiktion ist so ein Labor der Ethik: Sie überzeichnet, sie spitzt zu, sie nimmt voraus.
Von Ex Machina bis Westworld – reale Parallelen
Die Brücke zur Gegenwart ist schnell geschlagen. Als Ex Machina 2015 erschien, wirkte die Vorstellung einer täuschend menschlichen, manipulativen KI noch weit entfernt. Heute experimentieren Tech-Firmen mit humanoiden Chatbots, die in Therapie, Beratung und Kundenservice eingesetzt werden können.
In Westworld revoltieren die Hosts, nachdem sie zu Bewusstsein gelangen: Eine Metapher, die mit den Debatten über „agentische KI“ und Systeme, die sich der Abschaltung widersetzen könnten, plötzlich ganz nah wirkt. DeepMind warnte kürzlich selbst vor Szenarien, in denen KI versucht, Abschaltmechanismen zu umgehen. Spielen wir also mit einer Bombe?
Denn Nick Bostrom beschrieb es in Superintelligence (2014) wie folgt:
„Before the prospect of an intelligence explosion, we humans are like small children playing with a bomb.“
Das Zitat macht deutlich, dass wir Menschen es vielleicht nicht wirklich begreifen, womit wir es zu tun haben. Wir experimentieren mit einer Technologie, deren Tragweite wir noch nicht vollständig verstehen. Dabei handeln wir oft neugierig und unbedacht, fast spielerisch, und unterschätzen die Risiken, die damit verbunden sind. Die Metapher des Kindes, das mit einer Bombe spielt, bedeutet nicht, dass zwangsläufig alles explodieren muss. Aber sie macht klar, wie groß das Schadenspotenzial ist. Die Folgen könnten unumkehrbar sein und genau darin liegt die Gefahr. Was fehlt, sind Reife, Vorsicht sowie echte Kontrolle.
Dieses drastische Bild zeigt, wie nah Fiktion und Realität inzwischen beieinanderliegen. Wo früher Science-Fiction dystopische Fantasien entwarf, lesen wir heute Nachrichtenmeldungen über KI-Ministerinnen, Algorithmen in der Rechtsprechung oder autonome Drohnensysteme. Die Grenze zwischen Narrativ und Praxis wird dünn.
Doch gerade darin liegt auch eine Chance: Fiktion zwingt uns, Fragen nicht erst dann zu stellen, wenn es zu spät ist. Serien wie Westworld oder Filme wie Ex Machina öffnen einen Diskussionsraum, der uns auf reale Probleme vorbereitet. Sie mahnen, dass Technik nie nur neutral ist, sondern immer in sozialen und kulturellen Kontexten steht.
Fazit: Science Fiction gibt uns Schutzräume
Die Angst vor der KI-Bösewichtin ist also keine Fantasie am Rande, sondern eine ernstzunehmende kulturelle Diagnose. Sie zeigt, dass wir die Technik, die wir schaffen, zugleich bewundern und fürchten. Serien und Filme sind keine Prophezeiungen, aber sie sind Schutzräume, in denen wir Ängste durcharbeiten können, bevor sie zur Realität werden.
Oder wie Margaret Atwood es formulierte:
„A story is a warning, a story is a map.“
(Negotiating with the Dead, 2002)
Wenn wir also von Ex Machina bis Westworld schauen, sehen wir weniger die Zukunft der Maschinen als die Gegenwart unserer Verantwortung. Science Fiktion erzählt uns, was auf dem Spiel steht. Ob wir die Warnung hören, liegt bei uns.



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