„Nur die Lumpe sind bescheiden“ – was Goethe uns über Leadership lehrt

Goethe war ja nie verlegen um klare Worte. In den Zahmen Xenien des „West-östlichen Divans“ schreibt er:

„Nur die Lumpe sind bescheiden,
Brave freuen sich der Tat;
Wo sich Herrlichkeiten zeigen,
Da bescheidet sich der Rat.“

Eine Strophe, knapp und scharf wie ein Kommentar auf LinkedIn. Und erstaunlich modern.

Goethe and me

Was Goethe meint

Goethe stellt hier einen Gegensatz auf:

  • Die Lumpen, also die Mutlosen und Unfähigen, verstecken sich hinter einer scheinbaren „Bescheidenheit“. „Ach, ich will ja nicht so angeben“ klingt edel, ist aber oft nur Ausrede: mangelnder Mut, fehlende Kompetenz, keine Lust auf Verantwortung.
  • Die Braven, also die Tüchtigen, freuen sich über die Gelegenheit, ins Handeln zu kommen. Für sie ist eine Aufgabe keine Bedrohung, sondern eine Chance.
  • Und wenn es dann wirklich wichtig wird, wenn „Herrlichkeiten“ auf dem Spiel stehen, dann braucht es nicht gespielte Demut, sondern den Rat: klare Abwägung, Entscheidung, Verantwortung.

Goethe kritisiert also nicht echte innere Bescheidenheit. Die ist Tugend. Er kritisiert die falsche, die als Schutzschild dient, um sich nicht zeigen, nicht wagen, nicht handeln zu müssen.

Zwischen falscher Bescheidenheit und leerem Eigenlob

Früher hieß es: Eigenlob stinkt.
Heute wirkt es fast umgekehrt: Wer sich nicht lautstark präsentiert, droht übersehen zu werden. Auf Social Media wird Bescheidenheit selten belohnt: Sichtbarkeit entsteht durch Lautstärke, nicht durch Zurückhaltung.

Das bringt ein Problem mit sich: Während die einen sich klein machen und sich unter Wert verkaufen, gehen andere den gegenteiligen Weg, sie verkaufen viel mehr, als sie wirklich liefern.

Präsident Trump ist für diese Entwicklung leider ein prominentes und schlechtes Beispiel: ständiges Eigenlob, ständige Selbstinszenierung – und trotzdem (oder gerade deshalb?) der Weg ins höchste Amt. Nicht durch Taten, sondern durch Worte.

Dabei ist klar: Weder falsche Bescheidenheit noch leeres Eigenlob führen weiter. Das eine verhindert Wirkung, das andere täuscht Wirkung nur vor.

Übertragen ins Heute

Die Balance ist entscheidend:

  • Wer etwas kann, soll es zeigen, nicht kleinreden.
  • Wer führt, soll handeln, nicht sich verstecken.
  • Wer Wirkung will, braucht Klarheit und Taten, nicht nur Selbstvermarktung.

Die wirklich Kompetenten freuen sich, wenn sie ihre Stärken einbringen können. Sie sehen Handlungsspielräume nicht als Risiko, sondern als Gelegenheit, etwas zu gestalten.

Und dort, wo es ernst wird – in einer Krise oder bei wichtigen Weichenstellungen – hilft keine falsche Bescheidenheit und kein marktschreierisches Eigenlob. Dann zählt nur: kluge Köpfe, klare Entscheidungen, verantwortliches Handeln.

Relevanz für Führung, Teams und Lernen

Wie können wir Goethes Verse nun auf Führungsfragen anwenden?

  • In Sachen Leadership: Wahre Führung zeigt sich nicht im Zurücktreten, wenn Verantwortung gefragt ist. Aber auch nicht im Dauer-Selbstlob. Sondern im Hingehen, Entscheiden, Umsetzen.
  • In Sachen Teamarbeit: Ein Team gewinnt, wenn jeder das einbringt, was er oder sie kann. Wer sich klein macht, schwächt das Ganze. Wer nur laut ist, aber nichts beiträgt, ebenfalls.
  • In Sachen Persönliche Entwicklung: Bescheidenheit ist dann eine Tugend, wenn sie aus Stärke kommt. Wer stark ist, muss nicht prahlen – aber darf (und soll) die Tat ergreifen.

Oder in einer Formel, die Goethe vermutlich gemocht hätte:

Falsche Bescheidenheit ist eine Ausrede. Leeres Eigenlob ein Irrweg. Wahre Größe zeigt sich im Handeln.

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