KI and me (15): Today’s AI is the worst AI you will ever use

„Today’s AI is the worst AI you will ever use“ – klingt merkwürdig, oder? Die schlechteste Version von KI ist die, die wir gerade nutzen? Ich habe überlegt, ob ich das übersetze. „Die heutige KI ist die schlechteste, die du je nutzen wirst“ hat aber weder den Witz noch die Schärfe. Im Englischen bleibt es sperrig, aber pointiert. Es provoziert. Und genau das will ich: ein Innehalten, ein kurzes Stirnrunzeln, bevor man weiterliest.

Denn die Aussage dahinter ist ernst: Wir erleben eine Technologie, die uns schon heute verändert. Sie wird nicht wieder verschwinden, wie ich im letzten „KI and me“ -Post beschrieben habe, egal wie viele Mahnreden kursieren. Das, was wir heute haben, ist die Basis. Von hier aus wird es also nur besser, schneller, mächtiger. Das „schlechteste“ KI-System ist also der Status quo – und selbst der ist disruptiv genug.


Das Heute als Ausgangspunkt

Wir müssen zunächst vom Heute ausgehen. Heute schon schreiben Modelle Texte, coden Programme, entwerfen Designs, simulieren Szenarien. Heute schon ersetzt KI Prüfungen, erzeugt Schulaufsätze, berechnet Diagnosen. Wer also sagt „Wir müssen mal schauen, was kommt“, der ignoriert, dass es längst da ist.

Der Philosoph Günther Anders sprach in den 1950er Jahren von der „Prometheischen Scham“: dem Gefühl, der eigenen Technik hinterherzuhinken. Er hat schon damals beschrieben, wie der Mensch das Gefühl entwickelt, hinter seiner eigenen Technik zurückzubleiben. Genau das erleben wir heute wieder: KI ist uns voraus, während wir noch diskutieren, ob sie überhaupt sinnvoll ist. Die „prometheische Scham“ zeigt sich darin, dass wir uns von unseren eigenen Schöpfungen überholt fühlen. KI fordert uns heraus, dieses Ungleichgewicht nicht nur hinzunehmen, sondern es bewusst zu gestalten.


Bildung, Kompetenz, Agency

Gerade deshalb wird Bildung zur zentralen Ressource. Ethan Mollick, einer der klügsten Stimmen in dieser Debatte, sagt es klar: Wir brauchen AI literacy, fluency and agency – also nicht nur Wissen über KI, sondern die Fähigkeit, sie zu nutzen, und das Bewusstsein, Gestaltungsmacht zu haben. Wenn wir das nicht vermitteln, schaffen wir eine neue Ungleichheit.

Ich sehe es schon jetzt an Schulen und Universitäten: Manche Lehrende verbieten KI strikt, andere lassen sie laufen. Doch damit entsteht ein Spalt: Die, die KI verstehen, setzen sie ein, um schneller und klüger zu arbeiten. Die, die sie meiden, bleiben zurück. Und wir reden hier nicht von Spielereien, sondern von grundlegenden Kompetenzen für das 21. Jahrhundert. Es ist ähnlich wie die Diskussion um das Smartphone in der Schule – anstatt zu überlegen, wie wir die Kinder aufklären und zum sinnvollen Einsatz dieser Werkzeuge bewegen können, verbieten wir sie lieber. Ein Ansatz, der in der Vergangenheit noch nie geholfen hat.

AI agency in der Bildung bedeutet, dass Schüler:innen, Studierende und Lehrende die Fähigkeit entwickeln, KI reflektiert, kreativ und verantwortlich einzusetzen – und dadurch ihre eigene Lern- und Zukunftsgestaltung in die Hand nehmen.

Gleichzeitig spüren viele Pädagog:innen Angst. „Was, wenn ich überflüssig werde? Wenn Noten sinnlos werden? Wenn ganze Institutionen wegbrechen?“ Diese Ängste sind real. Aber sie dürfen uns nicht lähmen. Denn genau diese Unsicherheit ist der Grund, warum Bildung nicht weniger, sondern wichtiger wird. Nur wer versteht, kann gestalten.


Die stille Macht der „Laberfächer“

Lange galten die Geisteswissenschaften als brotlos. Wer Germanistik, Philosophie oder Linguistik studierte, bekam den Spruch „Damit wirst du höchstens Taxifahrer “ oft genug zu hören. Doch ausgerechnet jetzt, mitten in der KI-Revolution, zeigt sich ihre stille Macht.

Wusstest du, dass Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn, Philosophie studiert hat? Für ihn ist Philosophie keine Spielerei, sondern Grundlage für unternehmerisches Denken. Er sagte einmal:

„What every entrepreneur in consumer internet is doing is essentially embodying a theory of human nature.“

Wer digitale Produkte baut, baut immer auch eine Theorie vom Menschen mit ein. Genau hier setzen Geisteswissenschaften an.

Denn Technik und Geisteswissenschaften haben unterschiedliche Zugänge zur Welt. Die Technik arbeitet mit Modellen, Daten, Effizienz. Die Geisteswissenschaften befassen sich mit Bedeutung, Kontext, Sinn. Und das macht den Unterschied: Sprachmodelle brauchen Linguistik, um Syntax und Semantik zu verstehen. Hermeneutik ist unverzichtbar, wenn KI juristische oder politische Texte interpretieren soll. Narratologie zeigt, wie gute Geschichten funktionieren – ob im Drehbuch, im Marketing oder im Chatbot. Wissenssoziologie macht klar, dass Begriffe wie „Innovation“ oder „Geld“ kulturell geprägt sind. Kulturwissenschaften erkennen Bias – etwa, warum KI westliche Kleidung besser erkennt als asiatische. Und Rhetorik erklärt, wie Sprache wirkt, was entscheidend ist für Prompt Engineering.

Wer also glaubt, Geisteswissenschaften seien im KI-Zeitalter entbehrlich, irrt gewaltig. Wir stellen die Fragen, die Technik allein nicht beantworten kann. Wir schaffen Orientierung, weil wir erkennen: Technologie ist nie neutral. Sie ist immer eingebettet in Sprache, Kultur und Sinn.


Geisteswissenschaftler:innen werden dringender gebraucht als zuvor

Hier komme ich als Geisteswissenschaftler ins Spiel. Lange galt unser Fach als „nice to have“, als feine Ergänzung neben den harten Fakten der Ingenieure, Ökonomen und Naturwissenschaftler. Jetzt dreht sich das Verhältnis. Plötzlich brauchen wir wieder diejenigen, die gelernt haben, Fragen zu stellen, Bedeutungen zu deuten, Ambivalenzen auszuhalten.

Yuval Noah Harari schrieb in seinem Buch „Homo Deus“

„Menschen denken in Geschichten, nicht in Fakten, Zahlen oder Gleichungen.“

KI produziert Fakten und Daten, manchmal auch beeindruckende Zahlenkolonnen. Aber verstehen können wir sie nur durch Geschichten. Hier liegt die geisteswissenschaftliche Stärke: Wir können Deutungen geben, Narrative schaffen und Zusammenhänge herstellen. Harari erinnert daran, dass die Zukunft nicht durch Statistik erklärbar ist, sondern durch die Geschichten, die wir uns selbst und anderen erzählen.

Was ist KI anderes als eine Technologie, die Sprache, Bilder und Symbole produziert? Genau dort, im Reich der Zeichen, sind Geisteswissenschaftler zu Hause. Wir verstehen Narrative, wir durchschauen Metaphern, wir erkennen kulturelle Codes. Und wir wissen, dass Technik nie nur Technik ist, sondern immer schon Kultur, Politik, Macht.

In der öffentlichen Debatte geht es oft nur um technische Machbarkeit oder wirtschaftliche Effizienz. Doch die eigentliche Frage lautet: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? KI ist eine Kulturtechnik – und Kultur ist unser Terrain. Wir bringen die Werkzeuge mit, um Technik nicht nur zu erklären, sondern sie in größere Zusammenhänge einzubetten.

Das bedeutet ganz konkret:

  • Kommunikation: Geisteswissenschaftler:innen übersetzen zwischen Disziplinen, zwischen Menschen und Maschinen, zwischen Vision und Wirklichkeit.
  • Ethik und Orientierung: Wir helfen, den Wertekompass nicht zu verlieren, wenn alles technisch möglich scheint.
  • Kulturelle Deutung: Wir liefern die Geschichten, die Bilder, die kollektiven Muster, in denen Menschen Technologie verstehen.

Wenn ich also als Geisteswissenschaftler gefragt werde „wozu braucht man dich jetzt?“, dann sage ich: Weil KI nicht nur programmiert, sondern auch erzählt werden muss. Weil wir Antworten brauchen auf die Frage, welche Gesellschaft wir mit KI bauen wollen. Und weil wir gelernt haben, dass es nie nur um Lösungen geht, sondern immer auch darum, die richtigen Fragen offenzuhalten.

Neil Postman schrieb in seinem 1985 erschienenen Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“:

„Technologien sind keine bloßen Werkzeuge. Sie schaffen neue Welten, in denen wir leben.“

KI ist nicht einfach ein besseres Schreibprogramm oder eine schnellere Suchmaschine. Sie verändert die Art, wie wir denken, lernen, kommunizieren. Wer KI nur als „Tool“ begreift, verkennt die Tiefe ihres Einflusses. Wir leben längst in einer neuen Medienumwelt – und müssen lernen, ihre Codes und Effekte zu entschlüsseln.
Wer KI verstehen, entwickeln oder sinnvoll einsetzen will, kommt daher an den Geisteswissenschaften nicht vorbei. Denn ohne Kontext, ohne Sinn und ohne kulturelle Einbettung bleibt jedes Modell lediglich ein Torso.


Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel

Auch wirtschaftlich ist klar: Selbst wenn die Entwicklung langsamer wird, reicht schon der heutige Stand für massive Veränderungen. Wenn jeder mit denselben Tools arbeiten kann wie die Fortune-500-Konzerne, verlieren diese ihren Vorsprung. Das ist nicht Science Fiction, das ist ökonomische Logik.

Eine Studie des IWF schätzt, dass KI bis zu 40 % der Jobs weltweit beeinflussen könnte. Brookings spricht von über 30 % der Beschäftigten, deren Aufgaben zu mindestens 50 % betroffen sind. Und wir reden nicht nur über Fließbandarbeit oder Buchhaltung. Es geht um Kommunikation, um Marketing, um kreative Arbeit. Kurz: um alles, was lange als „zu menschlich“ galt.

Die Konsequenz: Wir müssen über neue soziale Sicherungssysteme reden, über veränderte Bildungsgänge, über Eigentum an Daten und Modellen. Das ist unbequem. Aber es ist nötig. Wer glaubt, man könne KI ignorieren, wird von ihr überrollt – und zwar nicht irgendwann, sondern bald.


Fazit: Heute ist der Startpunkt

„Today’s AI is the worst AI you will ever use“ – das klingt wie eine Drohung, ist aber eine Einladung. Die Einladung, den Status quo ernst zu nehmen. Nicht zu warten, bis die nächste Version besser, schneller, schlauer ist. Sondern heute zu lernen, zu reflektieren und vor allen Dingen zu gestalten.

Dabei wird klar: Geisteswissenschaft ist keine Randnotiz, sondern ein Werkzeugkasten für genau diese Aufgabe. Unsere Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, Werte zu reflektieren und Brücken zu schlagen, wird gebraucht wie nie zuvor. Vielleicht war die KI genau das Signal, das wir brauchten, um den Wert unserer Disziplin neu zu entdecken.

Denn das Schlechteste, was KI je sein wird, ist immer noch besser als das, was wir vor zehn Jahren hatten. Die Frage ist nicht, ob wir das mögen. Die Frage ist: Was machen wir damit – als Menschen, als Gesellschaft, und ja: als Geisteswissenschaftler:innen.


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