Eine Annäherung an das uralte Problem vom Leid in der Welt
TheoQuest, „auf der Suche nach dem Glauben“, geht in eine neue Runde. Folge 24 ist erschienen – und damit steht ein kleines Jubiläum unmittelbar bevor. Bald feiern wir die 25. Episode, und allein das ist schon ein Grund zur Freude. Doch bevor wir zur Jubiläumsstimmung übergehen, wagen wir uns an ein Thema, das alles andere als leichtfüßig ist. Es geht um die Theodizee – die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt.
Warum ausgerechnet so ein schweres Thema? Vielleicht, weil es eines der Grundprobleme des Glaubens ist. Die Frage nach dem Leid begleitet die Menschheit seit den ältesten Mythen. Schon das Buch Hiob ringt mit dem Gedanken, wie ein gerechter Gott das Leiden Unschuldiger zulassen kann. Theologie ohne Theodizee ist kaum denkbar – und jede Antwort darauf sagt auch etwas über das Gottesbild einer Epoche.
Gemeinsam mit meiner Gesprächspartnerin Elaine Rudolphi, Theologin und Seelsorgerin, versuche ich, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. „Spoiler vorweg“, sagt Elaine gleich zu Beginn, „wir werden sie nicht endgültig beantworten können.“ Aber vielleicht können wir Wege zeigen, mit der Frage zu leben:
Leibniz und die „beste aller möglichen Welten“
Ein Name fällt sofort, wenn es um die Theodizee geht: Gottfried Wilhelm Leibniz. Er prägte den Begriff selbst. Leibniz war ein Universalgelehrter par excellence: Mathematiker, Philosoph, Historiker, Jurist – und ein Mann des Glaubens. Er war überzeugt, dass sich Vernunft und Religion nicht widersprechen dürfen. In seinem Werk Essais de Théodicée von 1710 entwickelte er eine kühne These: Wir leben zwar nicht in der besten aller denkbaren Welten, wohl aber in der bestmöglichen, die Gott erschaffen konnte.
Diese Behauptung ist bemerkenswert. Leibniz argumentierte, dass Gott nur mit den Mitteln arbeiten kann, die die Schöpfung zulässt. Wenn Menschen nicht vollkommen sind, kann auch die Welt nicht vollkommen sein. Perfektion bleibt eine eschatologische Hoffnung – etwas, das erst am Ende der Zeiten erreicht wird. Bis dahin ist die Welt in einem Prozess, einem Werden, einem Wachsen begriffen.
Interessant ist auch, wie modern dieser Gedanke wirkt. Leibniz spricht damit den Menschen Verantwortung zu: Wir sollen an der Vervollkommnung der Welt mitwirken. Das klingt fast wie ein ethischer Auftrag für die Gegenwart, ein frühes ökologisches oder soziales Bewusstsein. „Gott hat die Welt so gut gemacht, wie es möglich war“, schreibt Leibniz, „aber er hat sie nicht fertig gemacht.“ Die Welt ist ein Projekt – und wir sind Teilhaber an diesem Projekt.
Elaine findet diesen Ansatz auf eine gewisse Weise sympathisch: „Er klingt modern“, sagt sie, „weil er uns Menschen Verantwortung gibt. Wir sind nicht bloße Statisten, sondern Mitgestalter.“ Aber sie weist auch darauf hin, dass damit die Kernfrage nicht verschwindet. „Wenn Gott allmächtig ist – warum baut er dann eine Welt, die der Vervollkommnung überhaupt noch bedarf?“
Der Charme – und die Grenzen – von Leibniz’ Modell
So faszinierend dieser Ansatz ist, er bleibt nicht ohne Widerspruch. Elaine Rudolphi betont, dass die These zwar charmant klingt, aber um die Kernfrage letztlich nicht herumkommt. Wenn Gott allmächtig und allgütig ist, bleibt die Frage, warum er unvollkommenes Material schafft. Warum nicht eine Welt, die frei von Leid ist?
Hier stößt das Denken an seine Grenzen. Theologen haben versucht, diesen Einwand zu entkräften, indem sie die Selbstbeschränkung Gottes ins Spiel bringen. Gott, so die Idee, könnte seine Allmacht freiwillig begrenzen, um Freiheit zu ermöglichen. Der protestantische Theologe Jürgen Moltmann spricht in diesem Zusammenhang vom „Gott des Kreuzes“, der sich selbst verwundbar macht.
Doch auch das beantwortet nicht die Frage vollständig. Denn selbst wenn Gott Freiheit ermöglicht, bleibt die Frage, warum er eine Welt erschafft, in der Leid so fundamental und so ungerecht verteilt ist. Der Philosoph Hans Jonas ging noch einen Schritt weiter und erklärte, Gott habe nach der Schöpfung einen Teil seiner Macht zurückgenommen, um der Welt ihre Eigenständigkeit zu lassen. Aber dann ist Gott nicht mehr allmächtig – und wir landen im Dilemma.
Und so fragt sich auch Elaine: „Ist es möglich, dass Gott sich selbst limitiert, um Raum für unser freies Handeln zu lassen? Und falls ja, sind wir dann nicht auch verantwortlich für das, was wir aus dieser Freiheit machen?“
Doch selbst wenn diese Selbstbeschränkung stimmt, bleibt die Frage, warum Leid so maßlos auftreten kann. Naturkatastrophen oder Krankheiten entziehen sich unserem moralischen Kompass. „Das sind die Punkte“, sagt Elaine, „an denen ich auch als Theologin an eine Grenze komme. Ich kann sie nicht einfach wegerklären.“
Freiheit, Endlichkeit – und die Erschütterung von Lissabon
Leibniz erklärte physische Übel mit der Endlichkeit der Schöpfung und moralische Übel mit der Freiheit des Menschen. Doch die Geschichte hielt ein Ereignis bereit, das dieses Modell bis ins Mark erschütterte: das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755. Mit einer Stärke von etwa neun verwüstete es die Stadt, löste einen Tsunami aus, zerstörte fast alle Gebäude und forderte rund 100.000 Todesopfer.
Besonders bitter: Es geschah an Allerheiligen, als die Kirchen voll waren. Diejenigen, die Gottesdienst feierten, kamen ums Leben, während in den Hafenvierteln, wo das Leben weniger fromm war, vergleichsweise wenige starben. Das Bild der göttlichen Gerechtigkeit bekam Risse. Wie konnte ein guter Gott so etwas zulassen?

Elaine ordnet ein: „Das ist die Empörung derer, die sich für gerecht halten. Wer davon ausgeht, dass Frömmigkeit vor Leid schützt, baut sich ein Bild von Gott, das biblisch so gar nicht gedeckt ist.“
Sie erinnert an das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner: Wer sich selbst für gerecht hält und auf andere herabschaut, offenbart vielleicht mehr über sein eigenes Herz als über die Gerechtigkeit Gottes. Die Frage, warum die Frommen sterben und die vermeintlich Gottlosen verschont bleiben, sagt oft mehr über unsere moralischen Kategorien aus als über Gottes Plan.
Der Gedanke, dass Frömmigkeit vor Leid schützt, ist ein Trugschluss, der sich in vielen Religionen hält. Das Buch Hiob ist das große biblische Korrektiv dazu: Es macht deutlich, dass Leid nicht immer eine Strafe ist. Gott selbst widerspricht den Freunden Hiobs, die ihm genau das vorwerfen.
In diesem Sinne ist das Erdbeben von Lissabon nicht nur eine naturhistorische, sondern auch eine spirituelle Lektion: Es ruft dazu auf, vorsichtig zu sein mit vorschnellen Deutungen. Vielleicht ist die richtige Haltung nicht Empörung, sondern Demut.
Hybris oder heilige Empörung?
Diese Katastrophe gilt als eine der großen Zäsuren der europäischen Geistesgeschichte. Sie brachte nicht nur das Vertrauen vieler Menschen ins Wanken, sondern befeuerte auch die Aufklärung. Naturkatastrophen wurden nun nicht mehr als Strafe Gottes gedeutet, sondern als geophysikalische Ereignisse, die wissenschaftlich erklärbar sind.
„Das ist einerseits befreiend“, sagt Elaine, „weil es Gott entlastet. Aber es kann auch dazu führen, dass Gott komplett aus dem Bild verschwindet und die Frage nach dem Sinn gar nicht mehr gestellt wird.“
Vielleicht ist das Erdbeben von Lissabon deshalb so faszinierend: Es zwingt uns, unsere moralischen Kategorien zu hinterfragen. Wer sind wir, dass wir meinen, den Plan Gottes entschlüsseln zu können?
Aufklärung, Voltaire und der Spott über Leibniz
Die Aufklärung brachte scharfe Kritik an der Leibniz’schen Theodizee. Voltaire schrieb mit Candide eine bitterböse Satire auf den Glauben an die „beste aller möglichen Welten“. Dr. Pangloss, der unerschütterliche Optimist, der jedes Leid mit „Alles ist zum Besten“ kommentiert, wird zur Karikatur des philosophischen Optimismus.
Voltaire traf einen Nerv. Die Idee, dass Leid einen höheren Sinn habe, erschien vielen als untragbar. Der Gedanke, dass auch Katastrophen „am Ende gut“ seien, konnte den Schmerz nicht aufwiegen. Dennoch blieb der Impuls, Sinn zu suchen, bestehen. Selbst moderne Traumatherapien betonen, dass Menschen manchmal durch Leid wachsen – aber nur, wenn sie es selbst deuten und verarbeiten können.
Die Aufklärung befreite das Denken, führte aber auch zu einer Entmythologisierung des Leidens. Gott wurde aus der Erklärung der Welt immer mehr verdrängt. Die Frage, wie wir mit Leid umgehen, blieb – sie wurde nur ins Private verlagert.
„Da hat die Aufklärung einen wichtigen Schritt getan“, meint Elaine, „weil sie uns davor bewahrt, Leiden einfach schönzureden.“
Leid als Lernmoment – oder Zynismus?
Elaine betont, dass wir vorsichtig sein müssen, Leid pädagogisch zu deuten. Es gibt Menschen, die rückblickend sagen: „Dieser Schicksalsschlag hat mich stärker gemacht.“ Doch das kann nur die betroffene Person selbst sagen. „Wenn ich das jemand anderem sage, werde ich zynisch“, warnt sie.
Søren Kierkegaard formulierte es treffend: „Das Leben kann nur rückwärts verstanden, aber muss vorwärts gelebt werden.“ Erst im Rückblick erkennen wir manchmal, wie Erfahrungen uns geformt haben. Doch im Moment des Leidens ist dieser Sinn nicht erkennbar – und es wäre respektlos, ihn einem anderen aufzuzwingen.
Vielleicht ist es ehrlicher, Leid zunächst einfach stehen zu lassen. Das Schweigen, das Aushalten, das gemeinsame Tragen – all das sind Formen der Theodizee im gelebten Alltag. „Seelsorge heißt nicht, Antworten zu geben, sondern auszuhalten, mitzuhalten, dazusein“, betont Elaine.
An der Grenze des Denkbaren
Das Nachdenken über das Böse stößt an seine Grenzen. Elaine macht deutlich, dass es theologisch problematisch wäre, Leid als Strafe Gottes zu deuten. „Wenn das stimmt, sind wir Marionetten – und das will ich nicht denken“, sagt sie.
Naturkatastrophen bleiben ein besonders harter Brocken. Sie entziehen sich jeder moralischen Deutung. Niemand wählt ein Erdbeben, und doch sind wir ihm ausgeliefert. An diesem Punkt stoßen unsere Denkmodelle an ihre Grenze. Vielleicht liegt die Aufgabe der Theologie gerade darin, diese Grenze zu markieren und nicht zu überspringen.
Die Theologin Dorothee Sölle sprach davon, dass wir Gott „in der Solidarität mit den Leidenden“ finden. Vielleicht ist das die einzige tragfähige Antwort: nicht die Ursache erklären, sondern an der Seite der Leidenden bleiben.
„An dieser Stelle können wir nur sagen: Wir wissen es nicht“, meint Elaine. „Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Antwort.“
Seelsorge statt Systematik
Elaine macht deutlich, dass Seelsorge bedeutet, genau hinzuschauen, was der Einzelne braucht. „Die betroffene Person braucht in dem Moment keine Vorlesung über die Freiheit des Menschen oder die Allmacht Gottes“, sagt sie. „Sie braucht einen Menschen, der ihr zuhört.“
Das heißt nicht, dass Theologie überflüssig ist. Sie hilft, ein eigenes Deutungsangebot zu entwickeln. Aber sie darf nicht zum Instrument werden, um anderen den „richtigen“ Umgang mit Leid vorzuschreiben. Die persönliche Antwort auf das Leid ist immer individuell.
Christliches Leben in der Spannung
Auf die Frage, wie Christinnen und Christen mit Leid umgehen sollen, verweist Elaine auf einen paradoxen Satz, der dem Jesuiten Heveneci zugeschrieben wird: Handle so, als ob es Gott nicht gäbe, aber vertraue so, als könntest du ohne Gott nichts tun. Darin liegt die ganze Spannung des Glaubens: aktiv sein, handeln, gestalten – und gleichzeitig vertrauen, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben.
„Diese Spannung ist manchmal schwer auszuhalten“, gibt Elaine zu, „aber vielleicht genau das ist Glaube: handeln und hoffen zugleich.“
Unser Umgang mit dem Unlösbaren
Das Problem des Leids wird sich nicht ein für alle Mal lösen lassen. Die Frage nach der „bestmöglichen Welt“ bleibt eine Anfrage an uns und unser Gottesbild. Vielleicht geht es am Ende weniger darum, das Leid zu erklären, als darum, im Leid Mensch zu bleiben. Trost zu spenden, präsent zu sein, mitzugehen – das sind die Aufgaben, die sich aus der Theodizee ergeben.
Wir dürfen unseren eigenen Weg anbieten, aber wir sollten nicht den Anspruch erheben, dass er für alle gültig ist. „Mein Weg muss nicht dein Weg sein“, sagt Elaine. „Aber vielleicht kann er dir eine Idee geben, wo du selbst beginnen kannst.“
Und vielleicht ist das auch die wichtigste Lektion dieser Episode: Es gibt keine endgültige Antwort – aber es gibt eine Haltung.



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