Dieser Satz von Theodor Fontane klingt heute noch erstaunlich frisch, beinahe zeitlos. Fontane, der große Erzähler des poetischen Realismus, wollte damit eine Haltung, einen Maßstab formulieren. Wer lebt, soll auch in seiner eigenen Zeit leben – nicht in der Vergangenheit, nicht in einem erträumten Arkadien, sondern mitten in der Gegenwart, mit all ihren Brüchen, Zumutungen und Versprechen.
Es ist dieser Appell an die Gegenwartstüchtigkeit, der Fontanes Haltung so interessant macht. Denn er verlangt nichts weniger, als dass wir uns mit der Welt einlassen, wie sie ist – nicht, wie wir sie gern hätten. Das Empfinden wird hier zu einer Art moralischem Prüfstein: Wer modern empfindet, nimmt ernst, was die eigene Zeit ausmacht.
Fontanes Zeit: Eisenbahn, Licht und Mietskasernen
Als Fontane diesen Satz schrieb, befand er sich in einer Welt, die sich atemberaubend veränderte. Die Eisenbahn durchbrach die Langsamkeit, die Jahrhunderte lang selbstverständlich gewesen war. Plötzlich schrumpften Entfernungen, Reisen wurde alltäglich, Landschaften wurden von Schienen durchzogen, und das Rattern der Züge wurde zum Soundtrack des Fortschritts. Viele empfanden das als Zumutung: zu laut, zu schnell, zu fremd.
Ähnlich radikal war das elektrische Licht. Was bis dahin der Nacht gehörte, wurde erhellt. Die Grenze zwischen Tag und Dunkelheit begann sich aufzulösen, und mit ihr die vertrauten Rhythmen des Lebens. Wo früher Kerzen und Gaslaternen den Takt vorgaben, leuchtete nun ein künstliches, modernes Licht – Symbol dafür, dass selbst die Nacht nicht mehr unantastbar war.
Und schließlich die Mietskasernen. Berlin wuchs in die Höhe und Breite, die Bevölkerung explodierte, und das enge Zusammenleben brachte soziale Spannungen hervor, die unübersehbar waren. Wer in diesen Häusern lebte, erfuhr eine Moderne, die mit idyllischer Dorfwelt wenig zu tun hatte. Doch genau diese Realität machte Fontane zum Gegenstand seiner Literatur. Er schrieb über Menschen, die in dieser neuen Welt zurechtkommen mussten – ohne Verklärung, aber auch ohne Zynismus.

Die Pflicht, modern zu empfinden
Fontanes Wortwahl war kein Zufall. „Pflicht“ klingt nach preußischer Strenge, fast nach Exerzierplatz. Es trägt etwas Unnachgiebiges in sich, eine Forderung, der man sich nicht entziehen kann. Für Fontane war es keine Option, ob jemand modern empfindet – es war eine Verpflichtung. Wer die Gegenwart ignoriert, lebt an ihr vorbei.
Pflicht hieß bei ihm: Schau nicht zurück – sonst stolperst du nach vorn. Die Menschen sollten sich nicht im Ästhetisieren der Vergangenheit verlieren, wie es die Romantik tat, die sich in mondbeschienenen Burgruinen und mittelalterlichen Mythen gefiel. Er verlangte eine bewusste Hinwendung zur Gegenwart, auch wenn sie rau, laut und widersprüchlich war.
„Empfinden“ dagegen klingt weicher, fast romantisch. Es geht nicht um bloßes Denken oder nüchterne Analyse, sondern um ein inneres Mitschwingen. Fontane war Realist, aber kein kalter Beobachter. Er wusste: Gefühle sind der Resonanzraum, in dem sich unser Verhältnis zur Welt zeigt. Modern empfinden heißt: die eigenen Emotionen nicht gegen die Gegenwart zu sperren, sondern in ihr zu verankern.
Und dann das Wort „modern“. Für Fontane bedeutete es nicht modisch oder oberflächlich, sondern gegenwartsbezogen. Modern war die Welt, die sich vor seinen Augen verwandelte – mit Dampf, Schienen, elektrischen Strömen und neuen sozialen Wirklichkeiten. Modern zu empfinden hieß, diese Welt nicht zu ignorieren oder nostalgisch abzulehnen, sondern sie ernst zu nehmen: eine Pflicht zur Zeitgenossenschaft.
Gleichzeitig hatte „modern“ im 19. Jahrhundert etwas Reizvolles, aber auch Verdächtiges. Es klang nach „Mode“ – nach Oberflächlichkeit, Schnelllebigkeit, Flüchtigkeit. Fontane spielte bewusst mit dieser Spannung. Modern sein bedeutete für ihn nicht, jedem Trend hinterherzulaufen, sondern sich auf das einzulassen, was die eigene Epoche prägt. Mode war Oberfläche, Moderne die tiefere Wirklichkeit.
Unsere Moderne: Digitalisierung, KI und digitale Mietskasernen
Springen wir in die Gegenwart. Heute, anderthalb Jahrhunderte später, leben wir in einer Zeit, die sich ebenso rasant verändert. Unsere Eisenbahn ist die Digitalisierung, unsere Glühbirne die künstliche Intelligenz, unsere Mietskasernen die sozialen Netzwerke, in denen wir Tür an Tür mit Millionen anderen leben – sichtbar, greifbar, aber oft anonym.
Viele reagieren ähnlich wie Fontanes Zeitgenossen: mit Skepsis, Abwehr oder Nostalgie. Die Sehnsucht nach dem Überschaubaren, dem Langsamen, dem „Früher war alles besser“ ist groß.
Doch Fontanes Mahnung bleibt aktuell. Modern empfinden heißt nicht, alles Neue blind zu feiern oder jedem Trend hinterherzulaufen. Es heißt, die Zumutungen der Gegenwart anzunehmen – die Beschleunigung, die Unsicherheit, das unaufhörlich Neue – und diese Zeit als unser eigenes Fenster zu begreifen.
Es bedeutet, kritisch zu bleiben, Innovationen einzubetten in Verantwortung und Ethik. Und zugleich Resonanz zu suchen: nicht bloß passiv zu konsumieren, sondern eine Haltung zu entwickeln, die in dieser Welt trägt und Orientierung gibt.
Pflicht oder Freiheit?
Heute würden wir das Wort „Pflicht“ kaum mehr so unbefangen verwenden. Wir sprechen lieber von Chancen, Möglichkeiten oder Freiheiten. Und doch steckt im Pflichtgedanken etwas Hilfreiches: die Erinnerung daran, dass wir uns der Gegenwart nicht entziehen können. Ob wir wollen oder nicht – wir sind Teil dieser Zeit. Wir empfinden sie, wir reagieren auf sie, wir werden von ihr geprägt.
Die Pflicht zum modernen Empfinden ist deshalb weniger moralischer Zeigefinger als Einsicht: Wer in einer Zeit lebt, muss auch mit ihr fühlen – sonst läuft er Gefahr, sich selbst aus der Wirklichkeit zu verabschieden. Nostalgie mag tröstlich sein, aber sie ist kein Zuhause. Das Zuhause ist die Gegenwart, mit all ihrer Unordnung und all ihrem Glanz.
So betrachtet, wird Pflicht zur Freiheit. Denn wer sich der Gegenwart stellt, findet in ihr auch Halt. Modern empfinden heißt dann: nicht ausgeliefert sein, sondern bewusst mitgestalten.
Was würde Fontane uns heute sagen?
Theodor Fontane, der alte Realist mit Sinn fürs Detail, hat diesen Satz nicht nebenbei fallen lassen, sondern als Haltung formuliert: Schaut hin, nehmt wahr, was eure Zeit ausmacht.

Er hätte vermutlich geschmunzelt über unsere digitale Welt, in der Algorithmen bestimmen, was wir sehen, und künstliche Intelligenzen Texte schreiben. Doch seine Mahnung hätte er nicht zurückgenommen. Im Gegenteil: Er würde uns ermutigen, in dieser neuen Moderne nicht passiv zu verharren, sondern mit ihr zu fühlen, kritisch zu prüfen und zugleich offen zu bleiben.
Oder, um mit einem Satz zu schließen, den er wohl nie geschrieben hätte, der ihm aber gefallen könnte:
Wer modern empfindet, stolpert nicht über die Vergangenheit, sondern tanzt mit der Gegenwart.


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