KI and me (14): KI verschwindet nicht – wir leben längst in der Disruption

Wir müssen die KI jetzt stoppen! Die Superintelligenz ist nur noch wenige Modelle von uns entfernt! Wir brauchen ein Jahr Entwicklungspause – mindestens!

Solche Forderungen kann man immer wieder in der Berichterstattung über KI und auch in den sozialen Netzwerken lesen, denn es gibt die weit verbreitete Illusion, die wie ein kollektives Beruhigungsmittel wirkt: Wenn wir nur wollen, könnten wir die KI-Entwicklung stoppen. Wenn die Labore versagen oder die Politik ein Machtwort spricht, sei der Spuk vorbei. Die Realität ist eine andere. Selbst wenn man die Forschung morgen einfrieren würde – die Modelle, die heute bereits existieren, reichen schon komplett aus für massive Umbrüche. Die Wucht verschwindet nicht. Die Infrastrukturen verschwinden nicht. Und die gesellschaftlichen Störungen, die wir jetzt erst zu ahnen beginnen, verschwinden ebenfalls nicht.

„Ein Mann versucht frustriert, mit den Fingern blaue Zahnpasta durch einen Trichter zurück in eine leere Tube zu drücken. Zahnpasta schmiert über den Trichter und das Waschbecken, im Hintergrund sind zerknüllte Papiertücher und der Mann schaut genervt in den Spiegel.“

Wir stehen an einem Punkt, an dem sich die Diskussion nicht mehr darum drehen sollte, ob KI irgendwann wieder „weg“ sein könnte. Das ist so realitätsfern, wie zu glauben, man könne die Zahnpasta zurück in die Tube drücken. Die Grundlage der Diskussion und unserer Überlegungen muss das behandeln, was heute schon da ist: Systeme, die Texte schreiben, Codes generieren, Designs entwerfen und Prozesse simulieren, in einer Qualität und Schnelligkeit, die vor zehn Jahren unvorstellbar war.

Warum wir Technologie falsch einschätzen – kurz und lang gedacht

Der amerikanische Futurist Roy Amara hat es einmal sehr treffend formuliert:

„Menschen neigen dazu, die kurzfristigen Auswirkungen einer Technologie zu überschätzen und ihre langfristigen Folgen zu unterschätzen.“

Dieser Satz, bekannt als Amara’s Law, ist mehr als ein kluger Aphorismus, denn er beschreibt ein wiederkehrendes Muster im Umgang mit Innovation. Neue Technologien lösen zunächst oft eine Welle der Begeisterung aus: Wir erwarten schnelle, spektakuläre Veränderungen und projizieren unsere Hoffnungen oder Befürchtungen in die unmittelbare Zukunft. Doch nach der anfänglichen Euphorie folgt nicht selten Ernüchterung, weil die kurzfristigen Versprechen nicht in diesem Tempo eingelöst werden.

Gleichzeitig übersehen wir, dass sich die wirklich tiefgreifenden Wirkungen meist erst über Jahre oder Jahrzehnte entfalten. Denken wir an das Internet: In den 1990er-Jahren war von einer „digitalen Revolution“ die Rede – viele Prognosen erwiesen sich damals als überzogen. Doch langfristig hat das Netz unser Leben, unsere Kommunikation und unsere Wirtschaft weit stärker verändert, als es sich die meisten damals vorstellen konnten.

Amaras Beobachtung ist für uns damit ein hilfreicher Kompass: Wer Technologien einschätzen will, sollte sich nicht von kurzfristiger Überhitzung blenden lassen und gleichzeitig nicht die Geduld verlieren, wenn die langfristigen Umbrüche noch unsichtbar sind.

Geisteswissenschaften zwischen Sprachmacht und Ohnmacht

Gerade für die Bildung und die Geisteswissenschaften bedeutet das eine neue Verantwortung. Lehrerinnen und Lehrer, Dozentinnen und Professoren stehen vor der Frage: Unterstützen wir die nächste Generation dabei, KI kompetent, sprachgewandt und handlungsfähig zu nutzen – oder ziehen wir uns ins Lamento zurück?

Das Problem: In vielen Fächern herrscht Abwehr. Man wünscht sich die Technik weg, erklärt sie zum Modethema oder redet sich ein, dass sie verschwinden könnte. Was fehlt, ist der Wille, sich einzulassen, zu lernen und differenziert zu diskutieren. Doch genau das ist nötig. Denn Geisteswissenschaften lösen keine technischen Probleme. Sie stellen Fragen nach dem „Wie sollen wir leben, wie wollen wir leben?“. Diese Fragen werden immer dringender, nicht überflüssiger. Und zur Beantwortung brauchen wir das Zusammenspiel vieler Disziplinen – nicht das Verschließen der Augen.

Der lange Schatten der Disruption

Es wäre naiv, die Risiken kleinzureden. KI ersetzt nicht einfach Aufgaben, sie verschiebt Macht. So macht sie im Bildungsbereich klassische Prüfungs- und Bewertungssysteme obsolet, beschleunigt Noteninflation, verschärft Ungleichheiten.

Hier kommt der Red-Queen-Effekt ins Spiel: ein Begriff aus der Evolutionsbiologie. Er beschreibt ein Wettrennen, bei dem man immer schneller rennen muss, nur um nicht zurückzufallen. Übertragen auf Bildung und Arbeit bedeutet das: Abschlüsse und Zertifikate verlieren durch Automatisierung und KI an Wert. Wer mithalten will, muss ständig neue Qualifikationen erwerben. Doch dieser Aufwand lohnt sich nur für jene, die ihn bezahlen können – andere verlieren trotz aller Anstrengung den Anschluss.

Und jenseits der Bildungsinstitutionen gilt dasselbe: Wenn dieselben KI-Basismodelle sowohl einem kleinen Unternehmen als auch Fortune-500-Konzernen zur Verfügung stehen, kippt das Gefüge von Märkten und Branchen. Spezialisierte Agenten werden Aufgaben übernehmen, die heute noch als „Menschenarbeit“ gelten. Das passiert nicht erst in zehn Jahren – das passiert jetzt.

Ordnung im Chaos

Ein Vergleich mit dem Gehirn ist dabei erhellend. Unser Denken entsteht in einem Netzwerk aus Milliarden von Synapsen. Diese Verbindungen sind durchaus grobmaschig, unregelmäßig, chaotisch – und doch bildet sich daraus Ordnung. Was bleibt, ist nicht geplant, sondern erprobt: Synapsen, die funktionieren, werden verstärkt, andere verschwinden.

KI-Modelle folgen demselben Prinzip, nur in einer anderen Form. Ihre neuronalen Netze sind dicht, mathematisch elegant und hochgradig formalisiert. Doch auch hier überleben nur die Verbindungen, die tragen. Trainingsprozesse verstärken Muster, die „funktionieren“, während andere verworfen werden.

Das heißt: Selbst wenn die Innovationskurve abflacht, bleibt das, was trägt – und das reicht für fundamentale Umwälzungen.

Die wahre Disruption liegt deshalb nicht nur in der Technik, sondern in ihrer Vergesellschaftung. KI wird Teil unserer sozialen, ökonomischen und kulturellen Strukturen. Wir werden Institutionen verlieren, die uns lange getragen haben – und wir werden neue erfinden müssen, auch wenn es weh tut.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie können wir KI stoppen?
Sondern: Wie gestalten wir das Zusammenleben mit ihr – verantwortungsvoll, mutig und menschlich.

KI ist keine unaufhaltsame Revolution, sondern eine normale Technologie, die sich kontrollieren lässt, während die Blase auf ein gesundes Maß schrumpft.

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