KI and me (13): Wie intelligent ist KI wirklich?

Künstliche Intelligenz – allein der Begriff ist doch eigentlich schon eine Provokation. Wir sprechen über Maschinen, die lernen, argumentieren, komponieren, malen und sogar mit uns chatten. Aber wie intelligent ist KI wirklich? Und vor allen Dingen: Welche Art von Intelligenz meinen wir, wenn wir das Wort verwenden?

Mehr als ein IQ-Test: Howard Gardners Revolution

In den 1980er-Jahren stellte der US-amerikanische Psychologe Howard Gardner folgende Frage: Ist Intelligenz wirklich nur das, was IQ-Tests messen? Seine Antwort: Nein. Gardner definierte Intelligenz als die Fähigkeit, Probleme zu lösen oder kulturell wertvolle Leistungen zu erbringen. Damit erweiterte er den Blick weit über logisches Denken und Sprache hinaus.

Bis dahin galt: Wer gut rechnen und reden konnte, war „intelligent“. Wer hingegen tanzen, musizieren oder Menschen tief verstehen konnte, galt höchstens als „talentiert“. Gardner brach mit dieser Sicht. Sein Modell der multiplen Intelligenzen beschreibt acht bis neun Formen von Intelligenz – von sprachlich-linguistisch über körperlich-kinästhetisch bis existenziell. Jeder Mensch trägt dabei mehrere dieser Intelligenzen in sich, aber in unterschiedlicher Ausprägung.

Die Intelligenzen im Überblick – und was KI bereits kann

Gardners Kategorien sind ein spannender Spiegel für die aktuelle KI-Debatte. Denn die Systeme, die wir heute nutzen, decken vor allem zwei Felder ab: Sprache und Logik.

  • Sprachlich-linguistische Intelligenz: Hier ist KI stark. ChatGPT schreibt Texte, fasst zusammen, übersetzt und argumentiert. Der nächste Schritt sind Nuancen wie subtilere Stilvariationen und persönliche Tonalität. Was jedoch fehlt, ist der tiefe Sinnbezug – das Einfühlen, die Ironie und das Erfassen kultureller Zwischentöne. Gut platzierter Humor, ein unerwartetes Bild in einer Präsentation oder eine empathische Wendung lassen Inhalte wirken – etwas, das KI nur imitieren kann.
  • Logisch-mathematische Intelligenz: Parade-Disziplin der KI. Rechnen, Datenanalyse und Prognosen – hier überholt sie uns oft. Doch das eigenständige Definieren von Problemen und die Fähigkeit, Bedeutung zu schaffen, bleiben menschlich. Die besten Analysen nützen wenig, wenn niemand die richtigen Fragen stellt.
  • Musikalisch-rhythmische Intelligenz: KI komponiert und remixt, etwa mit Tools wie AIVA oder Suno. Aber die spontane Bühnenpräsenz, das emotionale Eintauchen und die intuitive Musikalität sind weiterhin menschliches Terrain. Wer schon einmal eine Jazzband live erlebt hat, weiß: Diese improvisierte Energie lässt sich nicht codieren.
  • Bildlich-räumliche Intelligenz: Bildgeneratoren wie Midjourney zeigen, was möglich ist. Visualisierung und Design gehen leichter denn je. Dennoch kann KI künstlerische Vision, symbolische Tiefe und kulturelle Codes nur nachahmen, nicht erleben.
  • Körperlich-kinästhetische Intelligenz: Roboter können greifen, assistieren und manchmal sogar tanzen. Doch wenn es um den kreativen Fluss, das Improvisieren und das Verkörpern von Bewegung geht, sind wir Menschen unerreicht. Präsenz, Mimik, Gestik, Haltung – alles Botschaften, die KI nicht verkörpern kann.
  • Interpersonale Intelligenz: KI kann Gefühle simulieren und Avatare gestalten, die empathisch wirken. Aber echtes Vertrauen entsteht nur dort, wo Authentizität, Verantwortungsbewusstsein und Beziehungsfähigkeit zusammenkommen. Aus meiner Berufserfahrung weiß ich, wichtig der „echte Blick“ ist – das feine Wahrnehmen von Unsicherheit, das Einordnen eines Schweigens.
  • Intrapersonale Intelligenz: Hier stößt KI an ihre Grenze. Sie hat kein Ich, keine Innenwelt und kein Bewusstsein für sich selbst. Selbstreflexion kann sie anregen, aber nicht empfinden. Viele meiner Studierenden nutzen KI, um Denkanstöße zu bekommen – die echte Selbsterkenntnis entsteht jedoch im stillen Nachdenken.
  • Naturalistische und existenzielle Intelligenz: KI erkennt Daten und Muster in der Natur, kann Arten klassifizieren und Nachhaltigkeitsfragen analysieren. Doch die Fähigkeit, innezuhalten, zu staunen und ethische Fragen nach Sinn, Glaube oder Dasein zu stellen, bleibt dem Menschen vorbehalten. Vielleicht merkt man das am stärksten, wenn man mit seiner Familie einfach einmal im Wald spazieren geht und die Welt einfach nur wahrnimmt.

Der KI-Effekt – und warum Intelligenz Definitionssache ist

John McCarthy, einer der Väter der KI, sagte einmal sinngemäß: „Sobald etwas funktioniert, nennt man es nicht mehr KI.“ Dieses Paradox beschreibt den sogenannten KI-Effekt: Was uns heute noch intelligent erscheint, wird morgen zum Werkzeug. Suchmaschinen, Rechtschreibkorrektur, Navigation – alles einmal „künstlich intelligent“, heute banal. KI ist also ein sich bewegendes Ziel: Je mehr wir verstehen und sie nutzen, desto weniger mystisch wirkt sie.

Und genau hier liegt die Chance: Wenn wir sehen, was KI kann und was nicht, lernen wir auch, was uns Menschen ausmacht. Howard Gardners Theorie öffnet uns den Blick dafür, dass Intelligenz nicht monolithisch ist. Die Maschine mag in zwei Feldern glänzen – Sprache und Logik – aber die anderen Dimensionen bleiben unser Spielfeld.

Fazit: KI ist klug, aber nicht weise

KI beeindruckt. Sie hilft, sie beschleunigt, sie eröffnet neue kreative Räume. Aber sie hat keine eigene Geschichte, kein moralisches Empfinden und auch kein Staunen. Intelligenz, so zeigt Gardner, ist mehr als Rechenleistung. Es geht um Empathie, Sinn, Körper, Beziehung, Natur und das große Warum.

Gerade in einer Zeit, in der wir KI immer selbstverständlicher nutzen, ist es wichtig, diese Grenzen zu kennen. Denn die spannendste Frage bleibt nicht: Wie intelligent ist die Maschine? Sondern: Wie intelligent sind wir? Wie bewusst und vielfältig nutzen wir unsere eigene Intelligenz und behalten so das Steuer in der Hand?

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