TheoQuest: Wie fehlbar ist unfehlbar? Vom Amt des Papstes

Mit Folge 23 geht der Podcast Theoquest – auf der Suche nach dem Glauben in eine neue Runde. Ich begrüße wie immer mein hochkompetentes Gegenüber, die Theologin und Seelsorgerin Elaine Rudolphi – und diesmal haben wir ein recht aktuelles Thema, denn es gibt einen neuen Papst, Leo XIV. Anlass genug für uns, sich das Amt „Papst“ einmal genauer anzuschauen:

Die Wahl des neuen Pontifex war ein weltweites Medienereignis – stundenlange Liveübertragungen auf allen großen Sendern, ein enormes öffentliches Interesse. Sehr überraschend, bedenkt man doch, wie stark die Mitgliederzahlen der Kirche in Deutschland gesunken sind. Doch das Papstamt scheint über die innerkirchliche Relevanz hinaus eine symbolische Macht auszustrahlen, die Menschen fasziniert – ob gläubig oder nicht.


Wie wurde Petrus zum Papst? – Eine Rückwärtserzählung

Zu Beginn stelle ich die naheliegendste Frage: Wie kam es überhaupt zur Entwicklung des Papsttums – und wie wurde aus dem Jünger Petrus der erste „Papst“?

Elaine beginnt mit dem bekannten Bibelzitat aus dem Matthäusevangelium: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Diese Stelle wird im kirchlichen Kontext traditionell als biblische Grundlage für die besondere Stellung des Petrus herangezogen.

Doch historisch gesehen ist die Entwicklung viel komplexer. Die ersten Christ:innen organisierten sich in Hausgemeinden – kleine, dezentrale Gruppen, ohne formale Hierarchien. Erst allmählich entwickelten sich aus diesen Strukturen lokale Leitungsämter. Einige von ihnen übernahmen eine Art überregionale Aufsicht über mehrere Gemeinden. Daraus entstanden später die sogenannten Patriarchate – große kirchliche Regionen. In der frühen Kirche waren es schließlich fünf solcher Patriarchate, darunter auch Rom.

Rom nahm jedoch von Beginn an eine Sonderstellung ein: Nicht nur, weil Petrus dort starb und begraben wurde, sondern auch aufgrund der römischen Rechtskultur, die Streitfälle effizient zu lösen wusste. Andere Patriarchate wandten sich bei theologischen Konflikten häufig an die römische Kirchenleitung – so entwickelte sich der „Ehrenvorrang“ Roms. Diese besondere Rolle führte dazu, dass sich aus dem römischen Bischofsamt langsam das Papsttum formte.


Petrus – der fehlbare Fels

Doch warum gerade Petrus? Er war impulsiv, unbeständig – und hatte Jesus dreimal verleugnet. Warum also ausgerechnet auf ihn die Kirche bauen?

Elaine sieht gerade darin eine tief symbolische Aussage: Petrus ist eben kein fehlerloser Heiliger, sondern ein Mensch mit Ecken und Kanten. Doch er bleibt in seiner Sehnsucht nach Jesus beharrlich. Er fällt, aber er steht wieder auf. Er erkennt seine Fehler – und kehrt um. Das sei, so Elaine, eine entscheidende Führungseigenschaft: den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen – aber auch die Fähigkeit zur Einsicht und Umkehr, wenn man sich verrannt hat.

Petrus steht damit für eine Leitung, die nicht perfekt sein muss, aber glaubwürdig, menschlich und offen für Veränderung.

In einem modernen Büro steht ein Mann in weißer päpstlicher Kleidung mit Kreuzkette an einem Tisch, umgeben von mehreren Mitarbeitenden. Eine Frau schreibt etwas, ein Mann zeigt ihm ein Dokument, und weitere Personen telefonieren im Hintergrund. Die Szene wirkt wie ein lebhafter Arbeitsalltag.
Der Papst als moderne Führungskraft?

„Der Papst ist unfehlbar“ – wirklich?

Ein gängiges Vorurteil über das Papstamt lautet: Der Papst ist unfehlbar. Doch was bedeutet das eigentlich? Und stimmt das überhaupt?

Elaine klärt auf: Die Unfehlbarkeit des Papstes wurde erst im 19. Jahrhundert dogmatisch festgeschrieben – auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869–70). Es ging dabei um das Verhältnis zwischen dem Konzil (also der weltweiten Bischofskonferenz) und dem Papst: Wer hat letztlich das Sagen?

Die heute gültige Regelung besagt: Der Papst kann zwar allein Entscheidungen treffen, doch nur in einem sehr engen Rahmen – nämlich wenn er in einer ganz bestimmten Form ein Dogma verkündet. Das heißt: Nicht jede Äußerung des Papstes ist unfehlbar – sondern nur solche, die eine spezifische dogmatische Qualität haben. Und selbst diese müssen im Konsens mit der Lehre der Kirche stehen.

Die dahinterliegende Idee ist nicht die, dass der Papst als Mensch keine Fehler machen könne – sondern dass der Heilige Geist die Kirche als Ganze davor bewahrt, dauerhaft in die Irre zu gehen. Es ist also eine Art Glaubensvertrauen in die göttliche Führung der Kirche – trotz aller historischen Fehler.


Wie viel Macht hat der Papst tatsächlich?

Könnte ein Papst also gegen den Willen des Konzils handeln – und etwa eine drastisch neue Lehre einführen?

Theoretisch ja, räumt Elaine ein. Doch praktisch wäre das destruktiv. Der Papst hat die Aufgabe, die Kirche zu einen – nicht zu spalten. Deshalb ist sein Handlungsspielraum, obwohl formal groß, durch die Realität des kirchlichen Lebens stark begrenzt. Man könne sich in der Kirche viel erlauben – aber nicht alles sei auch sinnvoll oder hilfreich.

Zudem bezieht sich die Unfehlbarkeit nur auf Fragen der Lehre und Moral – also auf zentrale Glaubens- und ethische Prinzipien. Liturgische oder organisatorische Details, wie etwa die Frage, ob der Sonntag auch auf einen Samstag gelegt werden könnte, fallen nicht darunter.


Vom Bischof von Rom zum Papst: Wie fing es an?

Zurück zu den Ursprüngen: Petrus gilt als erster Bischof von Rom. Doch wann wurde aus dem Bischof ein Papst? Und wurde der Papst immer schon gewählt?

Elaine erklärt, dass für die ganz frühe Kirche viele Informationen nur fragmentarisch überliefert sind. Sicher ist: Es gab Zeiten, in denen das Papstamt innerhalb familiärer Linien weitergegeben wurde – etwa Vater auf Sohn oder Neffe. Und es gab Zeiten, in denen weltliche Mächte massiven Einfluss auf die Besetzung des Amtes nahmen.

Die heute übliche Papstwahl durch das Konklave – also durch eine Versammlung der Kardinäle – ist historisch eine vergleichsweise neue Errungenschaft. Und auch nicht frei von Machtpolitik, wie etwa der Spielfilm Konklave eindrucksvoll zeigt.

Einfluss von Staat und Machtpolitik: Die dunkleren Kapitel

Die enge Verflechtung von Kirche und weltlicher Macht begann bereits im frühen Mittelalter – mit erheblichen Konsequenzen. Die zentrale Frage lautete: Wer bestimmt in Leitungsfragen der Kirche? Die Kirche selbst oder doch der weltliche Herrscher?

Diese Auseinandersetzung erreichte einen Höhepunkt im sogenannten Gang nach Canossa (1077), in dem Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. symbolisch den Machtkampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt austrugen. Canossa markiert den Wendepunkt, nach dem sich die Kirche zumindest formell ihre Autonomie bei inneren Angelegenheiten sicherte. Doch faktisch blieb der politische Einfluss – besonders durch Könige und Kaiser – noch lange spürbar.

Ein besonders drastisches Beispiel bietet das 14. Jahrhundert, als es zwischenzeitlich sogar mehrere Päpste gleichzeitig gab. Diese „päpstlichen Schismen“ waren weniger Ausdruck theologischer Uneinigkeit als vielmehr das Ergebnis machtpolitischer Einflussnahmen auf das Papstamt. Es ging um strategische Interessen, Kandidatenplatzierung und Machtverhältnisse.


Vom Machtkampf zum Konklave: Eine Wahl mit Symbolkraft

Um der politischen Einflussnahme entgegenzuwirken, wurde das Konklave eingeführt – jenes Verfahren zur Papstwahl, das bis heute gilt. Der Begriff stammt vom lateinischen cum clave – „mit dem Schlüssel“ – und geht auf eine drastische Maßnahme zurück: Als sich die Kardinäle bei einer Papstwahl über Jahre nicht einig wurden, sperrte man sie kurzerhand in der Sixtinischen Kapelle ein, verschloss die Tür – und als das nichts half, deckte man sogar das Dach ab, sodass der Regen durchkam. Erst danach einigte man sich auf einen neuen Papst.

Diese symbolträchtige Anekdote verdeutlicht: Die Papstwahl soll kein politisches Schachspiel sein, sondern ein geistlicher Akt, bei dem sich – zumindest im Ideal – der Heilige Geist durchsetzen möge.


Papstdynastien? Frühe Kirche und das Sippenprinzip

Ein kurzer Einschub sorgte im Podcast für Verwirrung: Wie kann der Sohn eines Papstes auch Papst werden – sind Päpste nicht zölibatär?

Elaine klärt auf: In der frühen Kirche galt noch nicht die Pflicht zum Zölibat. Bischöfe waren verheiratet, hatten Kinder – und so konnte es durchaus vorkommen, dass ein Sohn in die Fußstapfen seines Vaters trat. Das entsprach dem alten Sippenprinzip, nach dem Berufe innerhalb der Familie weitergegeben wurden. Erst mit der späteren Zölibatspraxis wurde das unterbunden – was nicht hieß, dass es nicht dennoch vorkam.


Reformer vs. Traditionalisten: Gibt es Lager im Vatikan?

In der medialen Berichterstattung – und auch in fiktionalen Umsetzungen wie dem Film Konklave – ist oft von konservativen und progressiven Kardinälen die Rede. Aber wie real sind diese „Lager“ wirklich?

Elaine verweist darauf, dass mit der weltweiten Ausweitung des Kardinalskollegiums – etwa unter Johannes Paul II. – nicht mehr nur europäische Stimmen dominieren. Damit wurde das Bild bunter, vielfältiger – aber auch komplexer. Zwar gibt es unterschiedliche theologische Haltungen, doch eine strenge Einteilung in „rechts“ und „links“, in Parteien oder Fraktionen, werde der Realität der Weltkirche nicht gerecht. Vielmehr spiegeln sich in den Kardinalsgesprächen die sehr unterschiedlichen Herausforderungen wider, mit denen Christ:innen weltweit konfrontiert sind.

Diese globale Vielfalt könne dazu beitragen, dass sich Päpste nicht mehr entlang vorhersehbarer Linien durchsetzen – sondern dass echte Persönlichkeiten gewählt werden, jenseits der klassischen Zuschreibungen.


Benedikt XVI. und der Rücktritt vom Papstamt: Ein Tabubruch?

Ein bedeutsames Ereignis der jüngeren Kirchengeschichte war der Rücktritt Benedikts XVI. – ein Schritt, der viele erstaunte. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten legte ein Papst freiwillig sein Amt nieder.

Doch wie ungewöhnlich ist das tatsächlich? Elaine stellt klar: Das Papstamt ist ein Amt, keine Weihe. Während man die Bischofsweihe nicht ablegen kann, ist das Amt des Papstes ein dienstliches Mandat, das angetreten – und wieder abgegeben – werden kann. Benedikts Rücktritt war deshalb nicht nur legitim, sondern aus theologischer Sicht konsequent und mutig: Er erkannte, dass er den Anforderungen des Amtes nicht mehr gewachsen war, und machte den Weg frei für einen Neuanfang. Ein starkes Zeichen von Verantwortung und Führungsstärke.


Leo XIV. und die Hoffnung auf glaubwürdige Führung

Am Ende stellt Marcus eine sehr persönliche Frage: Kann ein einzelner Papst die Kirche aus ihrer Krise führen? Und was wünscht sich Elaine von Leo XIV.?

Die Antwort ist nüchtern – und hoffnungsvoll zugleich. Kein Mensch allein könne eine so große, vielgestaltige Gemeinschaft wie die Kirche retten. Aber ein Papst könne Rahmenbedingungen schaffen, damit an vielen Orten Menschen neu begeistert werden und mitgestalten wollen. Er könne mit Klarheit, Mut und Weitblick die richtigen Akzente setzen – auch wenn diese nicht immer populär seien. Was es brauche, sei Führung mit Haltung – und die Bereitschaft, Entscheidungen zum Wohl der Kirche auch dann zu treffen, wenn sie Kritik hervorrufen.

Ein älterer Mann in weißer päpstlicher Kleidung mit Kreuzkette sitzt an einem Tisch und hebt die rechte Hand zu einem Segensgestus, während er freundlich lächelt.
Dafür ist es jetzt wohl bei mir zu spät…

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