Schnapszahlen und Sinnfragen
In der 22. Folge unseres Podcasts TheoQuest – auf der Suche nach dem Glauben widmen sich die Theologin und Seelsorgerin Elaine Rudolphi und ich uns einem Thema, das – nach den düsteren Tiefen der Apokalypse in den letzten Episoden – spürbar leichter scheint, in Wahrheit aber kaum grundlegender sein könnte: der Nächstenliebe. Es geht dabei um ein zentrales Motiv christlicher Ethik – und um nichts Geringeres als die Frage: Was bedeutet es eigentlich, einander zu lieben?
Das Dreifachgebot der Liebe: Gott, der Nächste – und ich selbst
Gleich zu Beginn macht Elaine eine spannende Beobachtung: Oft wird vom Doppelgebot der Liebe gesprochen – also Gottes- und Nächstenliebe. Doch bei genauer Betrachtung des neutestamentlichen Textes (etwa Matthäus 22,39) offenbart sich: Es ist ein Dreifachgebot. Denn da heißt es: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen […] und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Die Selbstliebe ist also kein „nettes Add-On“, sondern ein integraler Bestandteil.
Diese „Selbstliebe“ sei jedoch in der kirchlichen Verkündigung lange Zeit verdrängt worden, so Elaine, weil sie rasch unter Egoismusverdacht gerate. Doch: Wer sich selbst nicht ausstehen kann, wer sich selbst nicht kennt, der ist ständig mit sich selbst beschäftigt – und dadurch unfrei, andere wahrzunehmen, geschweige denn sie zu lieben.
Die Liebe zum Anderen setzt ein stabiles Selbst voraus. In Elaines Worten: Nur wer sich selbst achtet, kann sich anderen zuwenden.
Zwischen Selbstachtung und Narzissmus: Wo liegt die Grenze?
Selbstliebe ist nicht gleich Selbstverliebtheit. Elaine grenzt hier klar ab: Gesunde Selbstachtung befreit den Menschen dazu, andere in ihren Bedürfnissen und Sorgen wahrzunehmen. Narzissmus hingegen bleibt bei sich selbst stehen – er dreht sich endlos im eigenen Spiegelbild.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Gedanke: Ist es vielleicht nicht sogar einfacher, Gott zu lieben als den Nächsten? Schließlich ist Gott (so könnte man meinen) geduldig, gut und gerecht – während der Nächste anstrengend, unvollkommen oder verletzend sein kann.
Doch genau hier setzt das christliche Menschenbild an.
Gottesliebe ohne Nächstenliebe? Ein Widerspruch

Gottesliebe kann nicht losgelöst von der Nächstenliebe existieren. Ein rein spiritueller Rückzug ins Kämmerlein, in dem man sich der Kontemplation Gottes hingibt und alle Mitmenschen außen vor lässt, widerspricht dem biblischen Zeugnis. Elaine verweist auf das Matthäus-Evangelium (Kap. 25), wo das Gericht beschrieben wird. Bemerkenswert ist, was dort zählt:
„Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war nackt und ihr habt mich bekleidet […]“
Es sind zutiefst menschliche, konkrete Handlungen – nicht Gebete oder fromme Reden –, die als Ausdruck der Gottesbeziehung gewertet werden. Auch der (oft unterschätzte) Jakobusbrief stellt klar: Glaube zeigt sich im Tun.
Der Eremit und die Nächstenliebe: Rückzug oder Beziehung?
Was aber ist mit jenen, die sich bewusst aus der Welt zurückziehen – den Eremiten, Wüstenvätern, Klosterbewohnern? Ist ihre Lebensform Ausdruck von Gottesliebe – oder ein Rückzug vor der Herausforderung der Nächstenliebe?
Elaine bringt hier eine nuancierte Sicht mit: Selbst Eremiten seien nie wirklich allein gewesen. In historischen Berichten etwa von Wüstenmüttern und -vätern des dritten Jahrhunderts wird deutlich: Sie wurden stets aufgesucht – und wurden, trotz Rückzug, zu wertvollen Gesprächspartnern und Zuhörerinnen. Zuhören – das sei auch eine Form von Dienst am Nächsten.
Damit ergibt sich ein differenziertes Bild: Nächstenliebe zeigt sich nicht nur im Handanlegen, etwa im sozialen Engagement, sondern auch im aufmerksamen, empathischen Zuhören. Es kommt auf die eigene Persönlichkeit und Berufung an: Der eine handelt lieber praktisch, die andere ist stille Begleiterin. Beides ist gleichwertig.
Die Vielfalt der Liebe: Berufung zur Unterschiedlichkeit
Entscheidend ist, wie Elaine betont, die je eigene Form der Liebe zu finden. Wo kann ich meine Begabung einbringen, ohne mich zu überfordern? Wo kann ich die Liebe zu Gott und zum Nächsten konkret werden lassen – in einer Weise, die zu mir passt?
Ob Seenotretter auf dem Mittelmeer oder Schwester im kontemplativen Kloster: Das Spektrum gelebter Liebe ist so bunt wie die Menschen selbst. Und das Ideal liegt nicht in einer standardisierten Nächstenliebe, sondern in einer ehrlichen, authentischen Haltung, die ernst nimmt, was das Evangelium fordert – und was der Einzelne geben kann.
Scheitern erlaubt: Überforderte Nächstenliebe und Gottesbeziehung
Was aber, wenn die Nächstenliebe misslingt? Wenn ich – trotz guter Absicht – an mir selbst oder meinem Gegenüber scheitere?
Für Elaine gehört das Scheitern zum Leben. Es ist nicht Ausdruck mangelnder Frömmigkeit oder gar fehlender Gottesliebe. Im Gegenteil: Wer nicht scheitert, bleibt in einer Illusion von Perfektion gefangen – und geht eher an sich selbst und den anderen vorbei.
Wichtiger als die messbare „Erfolgsbilanz“ sei die Haltung: Tue ich, was ich tue, in Zuwendung? Oder geht es mir insgeheim doch mehr um mich selbst?
Nicht jede:r ist für jede Form der Nächstenliebe geeignet – und das ist okay. Wer z. B. mit suchtkranken Menschen nicht umgehen kann, sollte sich nicht zwingen. Viel wichtiger ist es, Orte zu finden, an denen die Liebe ins Tun kommt, ohne auszubrennen.
Zwischen Herausforderung und Einladung: Die radikale Dimension der Nächstenliebe
Nächstenliebe ist nicht bequem. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn sie über die Grenzen der Sympathie hinausgeht – hin zur Feindesliebe. Diese radikale Forderung des Neuen Testaments, die in der Bergpredigt Jesu kulminiert („Liebt eure Feinde“), ist keine Pflichtübung zur Selbstverleugnung, sondern – wie Elaine betont – eine Einladung. Eine Einladung, die eigene Grenze zu hinterfragen und vielleicht sogar zu überschreiten. Nicht aus Zwang, sondern aus innerer Freiheit.
Der entscheidende Perspektivwechsel ist hierbei: Nicht ob ich die Feindesliebe perfekt leisten kann, sondern ob ich offen bleibe für die Möglichkeit, mein Herz noch ein kleines Stück weiter zu öffnen. Nächstenliebe, so verstanden, ist kein Projekt der Selbstoptimierung, sondern eine Schule des Herzens.
Selbstschutz und Nächstenliebe – kein Widerspruch
Natürlich gibt es Grenzen. Und diese zu wahren, ist Ausdruck gesunder Selbstachtung. Gerade im Umgang mit toxischen Beziehungen oder manipulativen Persönlichkeiten ist Selbstschutz keine Egozentrik, sondern notwendige Selbstfürsorge. Denn: Wer sich selbst völlig verausgabt, wird irgendwann selbst hilfsbedürftig – und kann niemandem mehr helfen.
Elaine spricht hier von Spürigkeit: der Fähigkeit, die eigene Belastbarkeit wahrzunehmen, zu respektieren – und im Zweifel Hilfe anzunehmen. Nächstenliebe ist keine Selbstaufgabe, kein Märtyrertum. Es geht darum, in einer realistischen und verantwortungsvollen Weise in Beziehung zu treten – und zwar nicht auf Kosten der eigenen seelischen Gesundheit.
Vom „Machen“ zum „Geschenktbekommen“ – die spirituelle Quelle der Liebe
Ein zentrales Bild stammt aus der Mystik des Mittelalters: der „Quellbottich“. Nur wer selbst mit frischem Wasser gefüllt ist, kann andere tränken. Nur wer genährt ist, kann geben. Dieser Gedanke durchzieht Elaines Reflexion zur Praxis der Nächstenliebe: Es geht nicht um moralische Höchstleistungen, sondern um ein ausgewogenes Geben und Empfangen.
Und gerade hier spielt die Gottesbeziehung eine entscheidende Rolle: Nicht als Pflichtübung, sondern als Quelle. Wer sich an Gott andockt – im Gebet, im Hören, in der Stille –, erlebt möglicherweise etwas, das nicht aus der eigenen Kraft kommt. Eine Quelle, die unabhängig vom persönlichen Leistungsvermögen fließt.
Konkrete Praxis: Achtsamkeit, Murmeln und das kleine Glück
Wie sieht das im Alltag aus? Elaine, die als Theologin und Seelsorgerin selbst täglich mit den Grenzen zwischen Nähe und Distanz konfrontiert wird, hat ihren ganz eigenen Weg gefunden:
- Achtsamkeit auf das Schöne: Momente bewusst wahrnehmen, die das Herz hüpfen lassen – kleine Freuden, Lichtblicke, Schönheit im Alltäglichen.
- Murmeln in der Tasche: Ein praktischer Tipp mit symbolischer Kraft. Morgens fünf Murmeln in die eine Tasche legen – und immer, wenn etwas Gutes passiert, wandert eine in die andere. Abends lässt sich so sichtbar machen, wie viel Schönes den Tag geprägt hat.
Es geht um eine Haltung: Nicht alles Schwere verdrängen – aber das Gute bewusster wahrnehmen. Denn daraus schöpft sich Kraft. Und diese Kraft ist nötig, wenn man sich anderen zuwendet.
Spirituelle Orte der Kraft: Angebote der Kirche
Wer spürt, dass die eigenen Quellen versiegen, findet in der kirchlichen Tradition zahlreiche Formen, sie wieder aufzufüllen:
- Exerzitien – spirituelle Tage des Rückzugs und der Orientierung
- Geistliche Begleitung – Gespräche, die helfen, den roten Faden im Glaubensleben wiederzufinden
- Kontemplation und Stille – Räume, in denen nicht die Worte, sondern das Dasein zählt
All das kann helfen, die eigene Art zu entdecken, an Gott anzudocken – und aus dieser Verbindung heraus die Liebe zu leben, zu sich selbst, zu Gott und zum Nächsten.
Ein letzter Impuls: Liebe ist immer Beziehung
„Nächstenliebe“, sagt Elaine, „ist kein Projekt. Es ist Beziehung.“ Es geht nicht um Checklisten oder Erfolgsmessung, sondern um Begegnung. Um ein Dasein in Offenheit – auch für das Unfertige, das Unbequeme, das Scheiternde. In dieser Haltung liegt die eigentliche Kraft des Glaubens: dass wir es nicht aus uns selbst heraus tun müssen – sondern immer wieder neu empfangen dürfen, was wir weitergeben.



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