KI and me (10): Wird KI mich ersetzen? Und wann?

„Hast du keine Angst, dass Künstliche Intelligenz dich irgendwann (gemeint ist: bald!) ersetzen wird?“

Diese Frage höre ich oft. Und ganz ehrlich: Ja, ich denke darüber nach – fast jeden Tag, weil es für mich dazugehört.
Angst habe ich jedoch nicht. Denn KI kann vieles, aber sie kann nicht mich.

Eine halb menschliche, halb künstliche Figur mit einem traditionellen Hemd auf der linken Seite und einer futuristischen, blau leuchtenden, mechanischen Haut auf der rechten Seite.

Ich glaube, jedem ist mittlerweile klar geworden, dass wir uns mitten in einem technologischen Umbruch befinden. KI-Modelle schreiben Texte, erstellen Bilder, analysieren Daten, führen Bewerbungsgespräche, übernehmen Kundenkommunikation und noch eine Menge mehr. Vieles, was einst als „typisch menschlich“ galt, wird heute zumindest imitiert – und das immer öfter verblüffend gut.

Ich hab also einfach mal Chat GPT gefragt. Ob es mich demnächst ersetzen wird. Die halbwegs beruhigende Antwort:

Wahrscheinlichkeit der vollständigen Ersetzung durch KI: gering.
Wahrscheinlichkeit der tiefgreifenden Veränderung deines Berufsbildes durch KI: sehr hoch.
Zeitfenster: Der Wandel läuft bereits – die nächsten 5–10 Jahre werden entscheidend sein.

Beratung, Moderation, Lehre, Storytelling, KI-Kompetenzvermittlung – das sind alles Felder, in denen KI mich eher unterstützt, aber nicht ersetzt. Meine Mischung sei, so Chat GPT, eine Kombination aus:

  • analytischem Denken (Marketing, Strategie)
  • didaktischem Geschick (Lehre, Training)
  • kulturellem Tiefenwissen (Theologie, Literatur, Popkultur) und
  • menschlicher Präsenz (Empathie, Humor, Charisma)

und diese Mischung sei eben nicht automatisierbar – sie ist mein USP. Danke, Chat GPT!

Das merke ich auch am Feedback, das ich von meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erhalte (wie man auf LinkedIn nachlesen kann):

Es war großartig, Marcus! Aus den 6 Tagen habe ich weit mehr mitgenommen, als du wahrscheinlich ursprünglich vermitteln wolltest. Vielen Dank für diese kurzweiligen, witzigen und erkenntnisreichen Tage, an Dich und meine tollen Kolleginnen und Kollegen. Ich werde sie mir als eine schöne Erinnerung bewahren.

Es waren tolle Tage, ich habe viel gelernt und auch noch jede Menge Spaß dabei gehabt 😁ich habe auch schon einiges angewendet.

Marcus ist als Mensch & Dozent nur zu empfehlen .. es waren leider „nur“ 6 Tage.

Aber was bedeutet das nun genau? Ich habe mir einmal ein paar Gedanken dazu gemacht und herausgekommen sind sechs Dinge, die ich als Dozent und Berater täglich tue – und die Künstliche Intelligenz (noch lange) nicht leisten kann. Vielleicht wird sie manches irgendwann imitieren. Aber sie wird es nicht sein.


1. Konflikte riechen – nicht nur erkennen

Wenn ich einen Seminarraum betrete, nehme ich sofort wahr: Irgendetwas stimmt hier nicht. Schweigende Blicke, eine verschlossene Körperhaltung, eine subtile Spannung in der Luft – das sind keine klaren Datenpunkte, sondern ein Gespür. Ein Bauchgefühl, das sich aus Erfahrung, Intuition und feinen, oft unbewussten Reizen speist.

Künstliche Intelligenz kann Körpersprache analysieren, Sentiment erkennen, sogar emotionale Tonlagen auswerten. Aber wie es der Psychologe Daniel Kahneman formuliert hat: „Intuition ist Wissen, das schnell und ohne bewusste Überlegung kommt – aber auf jahrzehntelanger Erfahrung basiert.“

KI hat keine Erfahrung. Sie hat Trainingsdaten. Und sie kennt keine „schlechte Stimmung“ – sie erkennt lediglich Wahrscheinlichkeiten.


2. Vertrauen aufbauen – durch Menschsein

Vertrauen ist keine Funktion, sondern reine Beziehung. Vertrauen entsteht in Zwischenräumen:
In der Art, wie man zuhört. Wie man reagiert, wenn jemand zögert. In der kleinen Geste, dem Augenzwinkern, dem ehrlichen: „Ich weiß es gerade auch nicht.“

Der Neuropsychologe Gerald Hüther hat es einmal so beschrieben:
„Vertrauen ist die Grundlage jeder Form von Zusammenarbeit. Es entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Begegnung.“

KI kann beraten – aber nicht wirklich begleiten. Sie kennt keine biografischen Brüche, keine Verletzlichkeit und kein echtes Mitgefühl. Vertrauen entsteht nicht in der Cloud, sondern im Kontakt.

3. Humor verstehen – nicht nur nachbauen

Ich arbeite oft mit Ironie, mit popkulturellen Anspielungen, mit absurder Überzeichnung. Humor ist für mich nicht nur ein Türöffner, sondern auch ein sozialer Kitt und vor allen Dingen eine Form von Intelligenz, von Menschlichkeit.

KI kann Witze generieren. Manche sind sogar gut. Aber sie versteht kein Timing. Kein Zögern vor der Pointe. Kein befreiendes Lachen, wenn etwas „trifft“. Jeder Standup-Comedian führt den Beweis: Humor lebt vom Moment, vom Kontext, vom Risiko – und vom Scheitern.


4. Haltung zeigen – mit eigener Geschichte und Gewissen

KI kann Meinungen simulieren. Aber ihr fehlt der innere Kompass. Sie hat keine Überzeugungen, keine Geschichte.

Ich bringe jedoch meine Biografie mit in jeden Raum. Meine Werte. Meine Widersprüche. Aber auch meine Erfahrungen im Umgang mit Scheitern, mit Wandel und mit der Herausforderung, Entscheidungen zu treffen.

KI fehlt, was der Soziologe Hartmut Rosa als „Resonanzfähigkeit“ bezeichnet hat. Denn KI bleibt (bislang) immer in der Reaktion gefangen. Sie hat keine Ethik, sondern nur Filter.


5. Das Ungeplante willkommen heißen – und improvisieren

Ich liebe es, wenn in Workshops etwas passiert, das nicht geplant war. Manchmal kippt ein Gedanke oder eine Debatte entflammt. Mitunter kann auch ein kleiner Konflikt zur echten Einsicht führen.

Das alles sind aber keine strukturierten Lernsituationen – es sind lebendige. Und um sie erkennen und angemessen mit ihnen umzugehen, braucht es Präsenz, Flexibilität und Entscheidungsfreude im richtigen Moment.

KI arbeitet jedoch sequenziell, regelbasiert, probabilistisch.
Aber das Leben ist nicht logisch. War es noch nie. Es ist paradox. Und genau dort, in der Überraschung des Paradoxen, entsteht oftmals die größte Transformation.


6. Menschen ermutigen – nicht nur optimieren

Motivation kann man messen. Ermutigung nicht. Denn „ermutigen“ heißt: an jemanden glauben – bevor er es selbst kann.

Aus eigener Erfahrung, aus meiner eigenen Geschichte weiß ich, dass Entwicklung ein Prozess ist. Kein Produkt. Und schon gar kein Ziel. Sondern ein Weg.

Der US-amerikanische Psychologe Carl Rogers sagte:
„Der Mensch trägt alles, was er zur Entwicklung braucht, bereits in sich. Was er braucht, ist ein Klima echter Wertschätzung.“

KI kann optimieren. Aber sie kann nicht an jemanden glauben. Sie kann weder hoffen noch stärken. Das bleibt noch uns Menschen vorbehalten.


Was sich trotzdem verändert – und zwar radikal

Auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass KI mich als Mensch, Dozent und Berater nicht ersetzen kann – sie verändert bereits mein Arbeitsumfeld. Und zwar spürbar. Nicht nur in der Technik, sondern in den Erwartungen, Formaten und Rollenbildern, die mit meinem Beruf verknüpft sind.

Die Kundenerwartungen verändern sich

Schnellere Reaktionszeiten, individuellere Inhalte, digitale Ergänzungen zu Präsenzformaten – wer heute Weiterbildungen bucht, erwartet mehr Flexibilität und oft auch technologische Einbindung. Ob asynchrones Workbook, KI-unterstützte Lernpfade oder Feedback on demand:
Der Standard von gestern wirkt plötzlich schwerfällig.

Der Wettbewerb wird digital – und billig

Der Markt wird gerade geflutet von KI-generierten Angeboten:
„Coach in der App“, Videotraining mit Avatar, automatisiertes Persönlichkeitsprofiling. Klingt alles beeindruckend – ist aber oft: schnell, glatt und sehr beliebig.
KI senkt so zwar die Einstiegshürden – aber leider auch die nötige Tiefe. Das ist für mich Herausforderung und Chance zugleich.

Die Angebotsgestaltung wird hybrid

Seminare allein reichen oft nicht mehr. Stattdessen geht es um Micro-Learning, Impulse am Morgen, Live-Sessions mit asynchronem Material, kuratierte Wissenspfade.
Meine Summer-Level-Up-Reihe ist genau daraus entstanden: Menschen in kleinen Einheiten inspirieren, live und direkt, aber trotzdem alltagstauglich.

Mein Selbstverständnis hat sich verändert

Ich bin mittlerweile nicht mehr primär Vermittler von Wissen. Das übernimmt notfalls auch ein gutes YouTube-Video oder ChatGPT.
Ich bin vielmehr:

  • Facilitator, denn ich ermögliche Erfahrungsräume
  • Kurator, denn ich wähle aus, was relevant ist
  • Sparringspartner, denn ich begleite Entwicklung, nicht nur Vermittlung

Das verändert nicht nur mein Angebot – es verändert mich.


Doch wann wird’s wirklich ernst?

Natürlich stelle ich mir dennoch die Frage: Wann kippt die Balance – von „ergänzen“ zu „ersetzen“?

2026 bis 2030: Das Spielfeld verändert sich

In genau diesem Zeitraum rechne ich mit einem deutlichen Technologieschub gerade im Weiterbildungsbereich. Dann werden erste Anbieter KI-gestützte Formate anbieten, die nicht nur skalierbar sein werden, sondern auch emotionaler und immersiver wirken. Was das bedeutet?

  • Inhalte, die sich in Echtzeit dem Lernverhalten anpassen
  • Sprachmodelle, die Emotionen simulieren können
  • VR-Welten, in denen ein Coachinggespräch mit einem Avatar stattfindet – täuschend echt, rund um die Uhr verfügbar

Aber: Kein Grund zur Panik.
Denn auch diese Angebote werden nicht verdrängen, sondern ergänzen. Sie brauchen nach wie vor Menschen wie uns, um sinnvoll gestaltet, begleitet und reflektiert zu werden.


Was du (und ich) jetzt tun können

Wenn wir nicht warten wollen, bis sich alles ändert, dann sollten wir jetzt anfangen, zu gestalten.

KI nicht nur nutzen, sondern für sich entwickeln

Eben nicht einfach nur Tools verwenden, sondern diese gezielt auswählen und kritisch reflektieren, vielleicht sogar selbst Inhalte dafür entwickeln. Welche deiner Methoden lassen sich mit KI kombinieren? Wo braucht es deine Handschrift?

Meta-Kompetenz trainieren

Nicht nur was man mit KI machen kann, ist entscheidend, sondern wie wir damit umgehen. Die wirklich wichtigen Fragen lauten: Was ist verantwortungsvoll? Und was manipulativ? Wo beginnt Ethik – und wo endet Technikgläubigkeit?
Diese Fragen gehören unbedingt auf die Bühne, in die Klassenzimmer und in die Coachings.

Narrative besetzen

Wandel passiert, ganz von alleine, auch ohne unser Zutun. Aber er braucht Erzähler:innen.
Sei die Person, die den Wandel nicht nur beobachtet, sondern prägt.
Belasse es nicht bei „KI wird schon kommen“, sondern folge einem Anspruch: „Ich begleite Menschen dabei, mit KI souverän und menschlich zu arbeiten.“

Signature Learning Experiences schaffen

Du willst nicht durch Technik ersetzt werden? Dann schaffe Angebote, die technisch nicht simulierbar sind:

  • live
  • interaktiv
  • humorvoll
  • berührend
  • voller Haltung und Präsenz

Menschlich eben. Denn genau das kann keine KI.

Zum Schluss: meine Frage an dich

Was sind deine „6 Dinge, die KI nicht kann“?

Ich freue mich über Austausch, Ergänzungen und gerne auch Widerspruch. Denn das kann KI ebenfalls (noch) nicht: sinnstiftende Gespräche führen.


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