Dare to suck: Trau dich, schlecht zu sein

Ich liebe es, mit Studierenden zu arbeiten, und hatte im zurückliegenden Semester das Vergnügen, gleich vier Studierendenprojekte für Kunden begleiten zu dürfen.

Natürlich startet es immer mit der Aufgabenverteilung und dem Brainstorming: Es werden Ideen gesammelt, diskutiert, verworfen, neu diskutiert. Als stiller Beobachter ist mir dieses Mal jedoch folgendes stärker aufgefallen als sonst:

Die Studierenden haben nicht die wilden, verrückten Ideen gewählt, aus denen man wirklich etwas Neues hätte machen können, sondern sich immer schnell auf die „Standard-Gedanken“ geeinigt, das Mittelmaß. Eher langweilig, aber sicher.

Doch warum? Zumal die Kunden es sich ja gerade und ausdrücklich gewünscht haben, einen frischen, jungen Blick auf ihre Projekte zu bekommen?

Also bin ich mal etwas in die Kreativitätsforschung eingestiegen – und die ist sich ziemlich einig: Kreatives Denken ist keine Frage des Talents, sondern der Umgebung, der Kultur und des psychologischen Rahmens. Jeder Mensch verfügt über kreative Fähigkeiten – aber nicht jeder bekommt den Raum (oder die Erlaubnis), sie zu nutzen.

Ein zentrales Hindernis für kreative Prozesse ist – wenig überraschend – Angst.

Angst, sich zu blamieren. Angst, zu scheitern. Angst, kritisiert zu werden. Angst, etwas Falsches zu sagen oder einfach nicht gut genug zu sein. Die US-Psychologin Brené Brown bringt es auf den Punkt:

„Vulnerability is the birthplace of innovation, creativity and change.“

Verletzlichkeit ist die Voraussetzung für Kreativität. Doch genau diese Verletzlichkeit wird im Alltag oft mit Scham, Unsicherheit und dem Wunsch nach Kontrolle bekämpft. Und damit stirbt die Kreativität, noch bevor sie eine Chance hatte.


Warum klassisches Brainstorming versagt

Die Methode „Brainstorming“ wurde in den 1940er-Jahren von Alex Osborn eingeführt und war ursprünglich als freier, bewertungsfreier Ideenaustausch gedacht. Doch in der Praxis erleben wir Brainstormings oft als stille Wettbewerbe: Wer bringt die beste Idee? Wer redet am meisten? Wer wirkt am klügsten?

Dabei entsteht ein perfides Muster: In dem Moment, in dem ich meine Idee ausspreche, wird sie zum Teil meiner Identität. Kritik an der Idee ist dann Kritik an mir. Das Ergebnis: Die Vorschläge bleiben vorsichtig, angepasst und leider sehr vorhersehbar.


Die Methode: Dare to Suck

Die US-Rockband Aerosmith geht mit gutem Beispiel voran. Seit jeher veranstalten sie jede Woche ein internes Kreativmeeting mit dem Titel: „Dare to Suck“ – auf Deutsch etwa: „Trau dich, schlecht zu sein“.

Frontmann Steven Tyler erklärte in einem Interview:

„Jeder bringt eine Idee mit, die er für total schlecht hält – und für die er sich fast schämt. Und neun von zehn Ideen sind wirklich Mist. Aber manchmal ist da eben auch ein Hit wie Love in an Elevator oder Dude Looks Like a Lady dabei.“

Der Clou: Durch das bewusste „Erlauben“ schlechter Ideen wird der Druck genommen. Es entsteht ein Raum für echte Originalität. Der kreative Prozess wird spielerischer und entkrampfter – und somit wirklich produktiv.


Wissenschaftliche Bestätigung: Psychologische Sicherheit

Die Idee hinter „Dare to Suck“ hat auch in der Forschung ein solides Fundament. Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, prägte den Begriff der psychologischen Sicherheit:

„Psychological safety is a belief that one will not be punished or humiliated for speaking up with ideas, questions, concerns, or mistakes.“

Also: Ein Umfeld, in dem man sich traut, Fehler zu machen oder Unfertiges zu zeigen, fördert Innovationskraft, Engagement und Lernfähigkeit.

Doch gerade in den Organisationen, in denen Leistung über allem steht, ist diese Sicherheit oft nicht gegeben. Aber wo Angst herrscht, herrscht auch Stagnation.


Was wir von Aerosmith lernen können

Die simple Struktur von „Dare to Suck“ funktioniert deshalb so gut, weil sie die Angst in ein Ritual übersetzt. Die „schlechten Ideen“ werden erwartet. Wer etwas Skurriles oder Albernes bringt, handelt nicht gegen die Norm, sondern gemäß der Spielregel.

Dadurch

  • wird die Angst entmachtet
  • wird der kreative Muskel trainiert
  • und es werden Ideen nicht mehr vorsortiert, sondern zugelassen

Manche Unternehmen haben diese Idee bereits übernommen: Sie nennen sie „Shitty First Drafts“, „Ugly Baby Sessions“ oder „Flop Friday“. Wobei ich das mit den Babies echt gemein finde – ich war auch keine Schönheit als Säugling, naja, anderes Thema….


Fazit: Mut zur Scham

Wenn wir wirklich neue Ideen wollen, müssen wir zulassen, dass es zuerst schlechte Ideen geben darf. Innovation beginnt nicht mit Brillanz, sondern mit dem Mut, sich zum Narren zu machen.

Oder wie es Aerosmith selbst singen:

„Dream on. Dream on. Dream until your dreams come true.“

In diesem Sinne: Erlaube dir, schlecht zu sein. Vielleicht liegt gerade darin der Anfang von etwas Großem.

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