„Was heute knapp ist, ist nicht Kapital – es ist Aufmerksamkeit.“
– Albert Wenger
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Grundordnung unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens verändert. Arbeit, Gehorsam und Effizienz – einst die Leitbegriffe der industriellen Moderne – verlieren ihre zentrale Bedeutung. An ihre Stelle treten neue, weichere Faktoren: Sinn, Verbindung, Aufmerksamkeit. Albert Wenger, Tech-Investor und Denker einer postindustriellen Gesellschaft, bringt es im Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: „Wir haben heute nicht mehr zu wenig Arbeit – wir haben zu wenig Bewusstsein.“
Die neue Knappheit: Aufmerksamkeit
In der alten Welt war Zeit Geld. In der neuen ist Aufmerksamkeit die Währung. Wer führen will – Menschen, Teams oder sich selbst – muss verstehen, wie Aufmerksamkeit funktioniert, wie sie gebündelt, gelenkt und geschützt werden kann. Zeitmanagement ist deshalb nicht länger eine Frage von Kalendern und To-do-Listen, sondern von Bewusstseinsökologie: Wie schaffe ich Bedingungen, in denen Fokus, Kreativität und menschliche Verbindung gedeihen?
Das verlangt eine radikale Umdeutung von Leadership:
Nicht Kontrolle ist das Ziel, sondern Ermöglichung. Nicht Effizienz, sondern Sinnstiftung. Nicht Taktung, sondern Zeitvielfalt.
Zeitvielfalt: Warum Führung mehr braucht als Tempo
Unsere Gesellschaft kennt vor allem eine Zeit: die lineare, getaktete, produktive Uhrzeit. Sie hat ihren Platz – doch sie ist nicht die einzige. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von der Resonanzzeit, der Philosoph Byung-Chul Han von Kontemplationszeit. Für die Führung bedeutet das: Wer nur auf Output schaut, verliert das Eigentliche – nämlich die Qualität von Zeit.
Chronos, Kairos und Aion sind drei antike griechische Zeitbegriffe, die uns im ersten Schritt die unterschiedliche Dimensionen unserer Zeitvielfalt nahebringen:
- Chronos steht für die messbare, lineare Zeit – die Uhrzeit, der Kalender, die Abfolge von Sekunden, Tagen, Jahren. Es ist die Zeit, die verrinnt und sich nicht aufhalten lässt – oft verbunden mit Effizienz, Planung und Kontrolle.
- Kairos bezeichnet den günstigen Moment, den richtigen Augenblick für eine Entscheidung oder Handlung. Er ist die Qualität der Zeit, nicht ihre Quantität – wenn „die Zeit reif ist“, muss man sie beim Schopf packen.
- Aion steht für die ewige, zyklische oder auch spirituelle Zeit – Zeit jenseits der Uhr, verbunden mit Lebensphasen, Rhythmen, dem großen Ganzen oder dem Gefühl von Zeitlosigkeit.

Für unser heutiges Zeitverständnis bedeutet das: Während wir meist im Modus des Chronos funktionieren (Termindruck, Deadlines), brauchen wir mehr Kairos, um Gelegenheiten zu erkennen und zu ergreifen – und mehr Aion, um Sinn, Tiefe und Orientierung im größeren Zusammenhang zu finden. Ein bewusstes Leben balanciert alle drei.
Eine gute Führungskraft kennt daher auch alle drei – und weiß, wann welche gebraucht wird. Doch Zeitvielfalt zeigt sich nicht nur in philosophischen Begriffen. Sie zeigt sich auch ganz konkret im Wechselspiel von Schnelligkeit und Langsamkeit, im Aushalten von Wiederholung, im Erkennen des Wertes von Muße, im Mut zur Pause, in der Kunst des Wartens, im Dazwischen, in der oft unterschätzten Langeweile – und im Jetzt.
Schnelligkeit braucht Langsamkeit
In einer Welt der Beschleunigung scheint alles auf Geschwindigkeit ausgerichtet zu sein: Entscheidungen in Echtzeit, Kommunikation im Sekundentakt. Doch: Führung, die nur auf Tempo setzt, wird blind. Schnelligkeit braucht das Korrektiv der Langsamkeit. Nur wer langsame Prozesse zulässt – z. B. bei Entscheidungen mit langfristiger Tragweite – schafft Nachhaltigkeit.
Warten ist Führungskompetenz
Warten gilt als unproduktiv – dabei ist es oft das Gegenteil: ein Zeichen von Reife. Wer warten kann, hält Spannungen aus. Wer nicht vorschnell reagiert, sondern antwortet, führt mit Tiefe. Im Warten liegt die Chance, den Kairos-Moment zu erkennen: den einen, richtigen Augenblick.
Pausen machen produktiv
„Die Pause ist Teil der Musik.“ Dieser Satz von Claude Debussy gilt auch für Führung. Pausen sind keine Leerstellen, sondern Verdichtungen. Wer Pausen kultiviert – in Meetings, im Denken, im Alltag – schafft Raum für neue Perspektiven. Pausen ermöglichen Verstehen.
Muße als Möglichkeitsraum
Muße ist mehr als Freizeit. Sie ist zweckfreie Zeit, in der Kreativität entsteht, neue Gedanken reifen, sich Sinn zeigen kann. Führung braucht Muße, um das große Ganze zu sehen. Wenger beschreibt das als „psychologische Freiheit“ – sich nicht treiben lassen, sondern selbst den Fokus setzen.
Das Jetzt als Ort der Entscheidung
Inmitten aller Zeitformen bleibt das Jetzt der einzige Ort, an dem Führung wirklich geschieht. Es ist der Moment, in dem Handeln und Bewusstsein zusammenkommen. Wer führt, muss präsent sein – im Gespräch, in der Entscheidung, im Blick für den anderen.
Das Dazwischen gestalten
Viele Führungskräfte fürchten das Unklare, das Noch-nicht, das Ambivalente – doch gerade das Dazwischen ist oft der fruchtbarste Raum. Hier reifen Ideen, hier entstehen Lösungen, hier geschieht Transformation. Leadership braucht den Mut, das Unfertige nicht vorschnell aufzulösen, sondern auszuhalten und zu begleiten.
Langeweile und Wiederholung – Rehabilitierung zweier unterschätzter Kräfte
Langeweile wird als Feind der Produktivität betrachtet – dabei ist sie oft der Zugang zur Kreativität. Wer Langeweile zulässt, schafft einen Gegenpol zur ständigen Reizüberflutung. Ebenso wichtig ist die Wiederholung: tägliche Routinen, wiederkehrende Gespräche, regelmäßige Reflexion. Wiederholung gibt Halt, strukturiert Zeit und macht Entwicklung sichtbar.
Leadership als Aufmerksamkeitsgestaltung
Was bedeutet das alles nun für Führungskräfte? Leadership in der Aufmerksamkeitsökonomie heißt: Räume schaffen, in denen Menschen sich konzentrieren, wachsen und verbinden können. Dafür braucht es drei Freiheiten:
- Ökonomische Freiheit – durch Sicherheit, z. B. Grundeinkommen.
- Technologische Freiheit – souveräner Umgang mit KI & Tools.
- Psychologische Freiheit – Selbststeuerung & Fokusfähigkeit.
Gerade Letzteres ist zentral für gutes Zeitmanagement: Wer sich selbst führen will, muss wissen, wie seine Aufmerksamkeit funktioniert – und wie man sie schützt.
„Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, wird zur Superkraft des 21. Jahrhunderts.“
– Cal Newport, US-amerikanischer Sachbuchautor und außerordentlicher Professor für Informatik
Praktische Impulse: Wie Leadership Zeit gestalteen kann
- Fokus-Zeiten etablieren: Arbeitsphasen ohne Ablenkung (Deep Work).
- Meeting-Fasten: Weniger Meetings, mehr Entscheidungsklarheit.
- Sinn statt Taktung: Arbeit nach Bedeutung strukturieren, nicht nur nach Dringlichkeit.
- Räume für Resonanz: Austausch, Kreativität und Reflexion bewusst einplanen.
- Zeittypen erkennen: Menschen ticken verschieden – Frühaufsteher, kreative Phasen, Rückzugsbedürfnis. Führung sollte das berücksichtigen.
- Langsamkeit zulassen: Entscheidungen nicht unter Zeitdruck erzwingen.
- Langeweile nicht vermeiden: Freiräume bewusst offen lassen.
Vision: Arbeit für Menschen, nicht umgekehrt
Wenger skizziert eine Zukunft, in der Menschen nicht mehr aus Not arbeiten, sondern aus Verbindung. Nicht mehr, um zu funktionieren – sondern um Sinn zu stiften: als Künstler:innen, Pädagog:innen, Pflegende, Musiker:innen, Nachbar:innen.
Diese Vision beginnt dort, wo Führung Raum gibt für echte Zeit:
Für Wachstum. Für Achtsamkeit. Und für Menschlichkeit.
„Die größten Leistungen entstehen, wenn Arbeit nicht wie Arbeit aussieht.“
– Albert Wenger
Führung wird in Zukunft nicht daran gemessen, wie gut sie Aufgaben plant – sondern wie gut sie Zeit versteht. Die Vielfalt von Zeit, die Kunst der Aufmerksamkeit und das Gespür für das richtige Tempo werden zu den Kernkompetenzen einer neuen Leadership. Und wer seine eigene Zeit nicht nur managt, sondern gestaltet, wird auch anderen helfen können, sinnerfüllt zu leben – und zu arbeiten.
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