TheoQuest: Zwischen Hybris und Hoffnung – wie wir nach dem Glauben suchen

In der neuesten Folge von Theoquest – auf der Suche nach dem Glauben setzen Elaine Rudolphi und ich unser Gespräch über die Johannes-Offenbarung fort. Der Podcast greift damit das Thema der letzten Episode erneut auf und knüpft an zentrale Fragestellungen rund um die Begriffe Apokalypse, Hybris und Orientierungslosigkeit an. Wir nehmen uns diesmal ein aktuelles Buch von Bernd Stegemann zum Anlass, um die Diskussion zu vertiefen: Was vom Glauben bleibt – Wege aus der atheistischen Apokalypse.


Die atheistische Apokalypse: Eine Gesellschaft ohne Transzendenz?

Stegemann, Dramaturg und Philosoph, beschreibt in seinem Buch eine Gesellschaft, in der Religion zunehmend an Bedeutung verliert. Der Mensch habe, so seine These, symbolisch den Platz Gottes eingenommen. Diese Selbstvergottung äußere sich auf zwei Wegen: auf der einen Seite durch Esoterik, auf der anderen Seite durch eine übersteigerte weltliche Gewissheit, die keine Zweifel mehr zulässt.

Elaine bringt diesen Gedanken auf den Punkt: Der Verlust des Glaubens habe – entgegen vieler Hoffnungen – nicht zur Befreiung geführt, sondern zur Orientierungslosigkeit. Die Gesellschaft verliere ihre übergeordneten Sinnstrukturen, was sie anfällig mache für Heilsversprechen, Fanatismus und Konsumideologien.


Orientierung ohne Transzendenz: Zwischen Grundgesetz und Glauben

Die Diskussion mündet in eine grundsätzliche Frage: Lebe ich mit einem festen Orientierungsrahmen oder mache ich mich selbst zu meinem eigenen Maßstab?

Wir unterscheiden zwischen immanenten und transzendenten Orientierungsrahmen. Während immanente Systeme – wie etwa das Grundgesetz – auf konsensuelle Verständigung beruhen, bieten transzendente Rahmen eine Perspektive, die über das Sicht- und Messbare hinausgeht. Letztere finden sich klassischerweise in Religionen und Glaubenssystemen.

Gerade die Wahl eines transzendenten Rahmens sei heute keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine bewusste Entscheidung – und damit eine Herausforderung. Die gesellschaftliche Entwicklung seit der Neuzeit habe viele vormals stabile Orientierungssysteme relativiert: Die Aufklärung, wissenschaftliche Erkenntnisse wie Darwins Evolutionstheorie oder das Ende des geozentrischen Weltbilds haben tiefgreifende Verunsicherungen ausgelöst.


Enge und weite Moralzirkel: Warum wir mehr streiten

Ein weiterer Aspekt: Die Thematik der sogenannten Moralzirkel. In der interkulturellen Kompetenz wird unterschieden zwischen engen Moralzirkeln (z. B. innerhalb der Familie oder des Vereins) und weiten Moralzirkeln (wie etwa Menschenrechte oder globale Ethik). Heute, so das Fazit, prallen diese unterschiedlichen Moralsysteme unversöhnlicher aufeinander als früher. Auch das sei eine Folge des Verlusts gemeinsamer Bezugssysteme – oder einer zunehmenden Selbstzentrierung.

Elaine weist darauf hin: Wer sich selbst zum Maßstab macht, kann nicht mehr offen für andere Perspektiven sein – denn dann steht automatisch fest, dass alle anderen „unrecht“ haben. Ein Plädoyer für Bescheidenheit und Dialogfähigkeit schimmert hier bereits durch – ganz im Sinne Stegemanns.


Selbstoptimierung statt Sinn? Der neue Glaube an die Kontrolle

In einem weiteren Gedankensprung landet unser Gespräch dann bei einem der großen Zeitphänomene: der Selbstoptimierung. Der Kontrollwahn über Körper, Zeit und Leistung sei ein Symptom für das Bedürfnis nach Orientierung – aber ohne transzendentes Fundament. Smartwatches, Schrittzähler, Ernährungsapps: All dies könne ein Ersatzglaube werden, wenn klassische Sinnsysteme fehlen.

Auch Elaine trägt eine Smartwatch – doch sie betont, dass dies nichts über ihren Selbstwert aussagt. Für viele andere jedoch kann der Glaube an technische Messbarkeit und Selbstkontrolle durchaus eine spirituelle Lücke füllen. Der neue „Glaube“ ist quantifizierbar, pragmatisch und individuell – aber häufig ohne Trostfunktion.


Apokalypse als Trost? Eine andere Sicht auf das letzte Buch der Bibel

Dann nähern wir uns wieder dem biblischen Ursprung des Gesprächs: der Apokalypse. Elaine erinnert daran, dass die Offenbarung des Johannes kein Schreckensszenario ist, sondern ein Trostbuch. In einer Welt, die täglich neue Krisen produziert und alte Sicherheiten ins Wanken bringt, könne genau dieser tröstende Aspekt von Religion eine dringend benötigte Ressource sein.

Zwischen Angst und Erlösung – Die Versuchung durch einfache Antworten

Im Anschluss an die Betrachtungen über transzendente und immanente Orientierungsrahmen wenden wir uns einem Phänomen zu, das in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat: der Verführungskraft einfacher Antworten auf komplexe Probleme. Gerade in Zeiten globaler Unsicherheit und wachsender Komplexität greifen viele Menschen zu vermeintlichen Lösungen, die oft mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften.


Komplexität und Kontrollverlust: Der Nährboden für Verführung

Wenn das eigene Weltverständnis nicht mehr ausreicht, um die Realität zu begreifen, steht der Mensch an einem kritischen Punkt. Er kann in Resignation verfallen – oder sich anderen Menschen anschließen, die zumindest eine scheinbare Orientierung bieten. Doch genau hier liegt die Gefahr: Viele dieser „Mitstreiter“ bedienen sich populistischer, dogmatischer und teils quasireligiöser Muster. Sie geben vor, einfache Wahrheiten zu kennen, die der komplexen Welt nicht gerecht werden können – und treffen damit einen Nerv.


Die Inszenierung der Apokalypse – und der neue „Messias“

Die Apokalypse wird zum politischen Instrument. Wer kontinuierlich Bedrohungen beschwört, Ängste schürt und das Gefühl vermittelt, dass „alles verloren“ sei, schafft ein Klima, in dem Menschen nach Erlösung rufen. Dann erscheint der neue Retter auf der Bühne – ein politischer Führer, der schnelle Lösungen verspricht. Ich sehe hier einen klaren Vergleich zur Rhetorik von Donald Trump, der sich selbst messianisch inszeniert und auf die Unsicherheit seiner Anhänger*innen setzt.

Gerade im evangelikalen Christentum der USA finde dieses Spiel auf besonders fatale Weise Resonanz: Bedrohungsszenarien werden mit biblischen Bildern aufgeladen, der politische Anführer erscheint als Heilsbringer. Der klassische Mechanismus: Ein übergroßes Problem wird dramatisch aufgeblasen – und dann kommt die einfache, autoritäre Lösung. Das funktioniert auch dann, wenn das Problem im Alltag der Menschen gar nicht existiert. So könne jemand in Montana sich bedroht fühlen von „den Mexikanern“, obwohl es in seinem Umfeld nie konkrete Erfahrungen dazu gab.


Falsche Propheten und das Prinzip der Entzauberung

Was hier geschieht, ist für Elaine wie auch für mich klar als theologische Figur einzuordnen: der falsche Prophet. Falsche Propheten bieten Erlösung an, die sie nicht leisten können. Wer im christlichen Glauben verwurzelt ist, sollte diesen Versuchungen widerstehen können – denn: Die Erlösung ist bereits geschehen. Jesus Christus hat diesen Anspruch ein für alle Mal eingelöst. Daraus ergibt sich ein Schutzraum gegenüber politischer Manipulation und religiös aufgeladener Verführung.

Allerdings sei das in der Praxis nicht immer leicht – die Bilder der Erlösung seien alt, ihre Sprache fremd. Dennoch sieht Elaine darin die erste und wichtigste Entzauberung: Niemand muss mehr erlöst werden. Wer dies behauptet, führt in die Irre.


Der Durcheinanderwerfer: Trumps diabolisches Spiel mit der Wahrheit

In diesem Zusammenhang kommt auch der Begriff „Teufel“ zur Sprache – und seine Herkunft aus dem Griechischen Diabolos, der Durcheinanderwerfer. In diesem Sinne ist für mich Trumps Verhalten – seine ständige Verwirrung, seine Lügen, seine Polarisierung – tatsächlich „diabolisch“. Elaine warnt jedoch vor einer Überhöhung: Wer jemanden als „den Teufel“ bezeichnet, spricht ihm Macht zu, die er womöglich gar nicht hat. Besser sei es, sich des eigenen Orientierungsrahmens bewusst zu bleiben – und aus dieser Sicherheit heraus solchen Übergriffen zu begegnen.


Widerstand durch Verwurzelung: Das Beispiel Malala Yousafzai

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Haltung liefert sie mit dem Hinweis auf Malala Yousafzai. Die junge Pakistanerin widersetzte sich der ihr auferlegten Rolle und dem Verbot, als Mädchen zur Schule zu gehen. Sie war sich ihres Rechts auf Bildung so sicher, dass selbst Gewalt sie nicht davon abhalten konnte. Ihre Widerstandskraft war tief verwurzelt in einem klaren ethischen Orientierungsrahmen – unabhängig davon, ob dieser religiös oder säkular begründet war.


Die Kraft zur Reflexion: Ein Plädoyer für die innere Haltung

Diese Verwurzelung ist es, die auch im Kontext von Stegemanns Buch in den Fokus rückt. Er fordert nicht die Rückkehr zur Religion, sondern eine Haltung der Bescheidenheit, Reflexion und Demut. Wir beide sehen darin eher eine säkulare Formulierung christlicher Grundhaltungen – ein gemeinsames Ziel, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln.

Wichtig sei in jedem Fall die Fähigkeit zur Selbstreflexion: der berühmte „Schritt zur Seite“, um mit Abstand auf sich selbst und die Welt zu blicken. Dies könne sowohl gläubigen als auch nichtgläubigen Menschen helfen, sich nicht in apokalyptischen Erzählungen zu verlieren. Entscheidend sei die Frage: Welcher Rahmen gibt mir Halt – und hilft er mir, mich selbst und andere mit einem weiten Blick zu betrachten?

Kontrollillusion und innere Stärke – Der Weg aus der Angst

Wer sich selbst als ohnmächtig erlebt, steht in Gefahr, sich aus dieser empfundenen Schwäche heraus in Systeme oder Personen zu flüchten, die scheinbare Sicherheit versprechen. Doch Elaine warnt nochmals: Die Ohnmacht ist oft suggeriert – nicht real. Wer sich selbst und seine Handlungsfähigkeit reflektiert, wird feststellen, dass Kontrolle trügerisch sein kann, aber auch, dass man sich die eigene Stärke nicht nehmen lassen muss.


Der kritische Blick auf Erlösungsversprechen

Die Analyse falscher Propheten und ihrer Strategien zur Angstvergrößerung, wie am Beispiel von Donald Trump dargestellt, mündet in unser zentrales Fazit: Nicht jede angekündigte Apokalypse ist echt. Und nicht jeder, der sich als Retter inszeniert, ist einer. Die Aufgabe jedes Einzelnen besteht darin, diese Dynamiken zu durchschauen – sei es durch religiöse Verankerung, säkulare Selbstreflexion oder durch das Wissen um psychologische Mechanismen von Manipulation und Angstmache.


Orientierung, Reflexion, Demut – und der nächste Schritt

So kommen wir am Ende zurück auf die zentralen Vorschläge aus Stegemanns Buch: Nicht Religion sei die einzige Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit, sondern eine neue Haltung. Eine Haltung, die von Reflexionsfähigkeit, Bescheidenheit und Verantwortung geprägt ist – sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber der Gesellschaft. Diese ethische Grundhaltung kann auf religiösem Fundament ruhen, muss es aber nicht.

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