TheoQuest: Trost in finsteren Bildern – die Apokalypse als Ermutigungstext

Mit der zwanzigsten Ausgabe von TheoQuest – auf der Suche nach dem Glauben feiern Elaine Rudolphi, Theologin und Seelsorgerin, und ich, Host und Fragender, ein kleines Jubiläum. Und während draußen der Frühling mit blauem Himmel und Sonnenschein lockt, widmen wir uns einem düsteren Thema: der Apokalypse – konkret der Offenbarung des Johannes. Ein hochaktueller Fokus, wenn man bedenkt, wie häufig diese biblische Schrift in Krisenzeiten bemüht wird.

Ich gestehe direkt: Die Lektüre war kein Spaziergang. Der Text ist voller geheimnisvoller Symbole und dramatischer Bilder. Deshalb braucht es für mich die theologische Expertise von Elaine, um Ordnung ins Chaos zu bringen.


Was ist eigentlich eine Apokalypse?

Bevor man sich dem Verfasser der Johannes-Offenbarung nähert, macht Elaine jedoch einen wichtigen Schritt zurück: Die Apokalypse sei zunächst eine literarische Gattung. Neben der bekannten Offenbarung am Ende des Neuen Testaments findet sich etwa auch im Buch Daniel der Hebräischen Bibel eine klassische Apokalypse – ergänzt durch apokalyptische Passagen in anderen Schriften. Es geht also nicht nur um das apokalyptische Werk schlechthin, sondern um ein literarisches Muster, das bestimmte Merkmale aufweist: Visionen, Symbolik, dramatische Szenarien, aber vor allem eine theologische Botschaft.


Johannes – aber welcher?

Die Frage, welcher „Johannes“ die Offenbarung geschrieben hat, ist unter Theolog*innen bis heute umstritten. Im Neuen Testament taucht der Name Johannes mehrfach auf: im Johannesevangelium, in den drei Johannesbriefen und eben in der Offenbarung. Und dann gibt es da noch den sogenannten „Lieblingsjünger“, der oft mit dem Evangelisten gleichgesetzt wird.

Schaut man sich jedoch die Sprache, das Vokabular und die theologischen Schwerpunkte an, erkennt man: Zwar gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Exegetisch spricht man daher von der johanneischen Schule – einer Traditionsgemeinschaft, in der über Generationen hinweg bestimmte Denk- und Ausdrucksweisen weitergegeben wurden. Die Offenbarung ist also nicht zwingend vom selben Johannes, der das Evangelium verfasst hat, sondern stammt aus demselben kulturellen und theologischen Kontext. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Werk mit mehreren Bearbeitungsschichten.

Wichtiger als die Urheberschaft sei jedoch – so Elaine – die Frage: Was wollte der Text den Menschen damals sagen – und was sagt er uns heute?


Inmitten der Verfolgung: Trost statt Drohung

Ein zentrales Missverständnis ist die heutige Wahrnehmung des Begriffs „Apokalypse“ als Weltuntergang, Chaos und Horrorfilm-Material. Denn die Offenbarung des Johannes aber wurde nicht geschrieben, um Angst zu machen, sondern um Trost zu spenden.

Zur Entstehungszeit litten viele Christ*innen unter der Verfolgung durch das Römische Reich, insbesondere weil sie sich weigerten, den römischen Kaiser als Gott anzuerkennen. Dabei war das Imperium ansonsten durchaus religionsoffen – solange man den Kaiserkult mitmachte. Das Christentum aber widersprach diesem Anspruch zutiefst: Es bekannte sich zu einem transzendenten Gott als letzter Instanz. Diese theologische Grundhaltung war politisch brisant und lebensgefährlich.

Die Offenbarung richtete sich an eben diese bedrängten Gemeinden – unter anderem symbolisiert durch die berühmten „sieben Gemeinden“ –, und sie verkündet eine zentrale Botschaft: Das Böse wird nicht siegen. Es geht nicht darum, den Gläubigen Leid zu ersparen, sondern sie in ihrem Leid zu stärken. Die Bilder der Apokalypse beschreiben drastisch, wie schlimm die Situation sein kann – aber auch, dass Gott darin gegenwärtig bleibt.


Symbolik, Siegel und Reiter: Die Sprache der Krise

Dass die Offenbarung auch viele Jahrhunderte später noch so stark wirkt, liegt an ihrer eindrücklichen Bildsprache. wie die berühmten „vier apokalyptischen Reiter“, die in Kunstwerken von Albrecht Dürer bis Otto Dix verewigt wurden. Gerade in Zeiten großer Krisen greifen Künstler und Denker immer wieder auf diese Motive zurück – und auch moderne Filme, Bücher und Serien bedienen sich gerne an der apokalyptischen Bildwelt.

Doch auch hier gilt: Die Texte meinen es ernst, ohne destruktiv zu sein. Die vier Reiter sind Ausdruck des realen Leids, das Menschen erleben – Krieg, Hunger, Krankheit und Tod. Aber sie sind nicht das letzte Wort.

Elaine betont: Die Bewahrung geschieht nicht vor der Verfolgung, sondern in ihr. Wer glaubt, dem wird versprochen, dass Gott ihn nicht fallen lässt – selbst wenn es keine Garantie auf äußeren Schutz gibt. Die apokalyptische Sprache ist daher kein Selbstzweck, sondern eine bewusste Strategie, um Halt zu geben.


Keine billige Vertröstung

Und dieser Trost ist nicht billig. Die Offenbarung fordert den Glauben auch heraus. Zahlensymbolik wie die der „144.000 Geretteten“ ist dabei nicht als exakte Berechnung zu verstehen, sondern verweist auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung: Willst du diesen Weg wirklich gehen? Es geht um Konsequenz, um Standhaftigkeit – und darum, den Blick auf Christus nicht zu verlieren.

Mit Bibelversen wie „Wenn du lau bist, will ich dich aus meinem Mund ausspeien“ richtet sich der Text an die Halbherzigen. Nicht als Drohung, sondern als Frage: Meinst du es wirklich ernst mit deinem Glauben?


Zahlenspiele, Biester und Visionen – Die bleibende Wirkung der Johannes-Offenbarung

Neben der bildhaften Symbolik spielen auch Zahlen wie sieben, zwölf, tausend oder die berüchtigte 666, die „Zahl des Tieres“, eine große Rolle. Diese Elemente haben sich tief in Kunst, Popkultur und kollektives Gedächtnis eingeprägt. Ob Filme wie Das Omen oder in den Songs und dem Artwork von Iron Maiden – die Johannes-Offenbarung ist ein unerschöpflicher Bildquell für Krisenerzählungen und Weltuntergangsvisionen.

Elaine betont dabei, dass die symbolische Bedeutung von Zahlen kein willkürliches Spiel ist. Sie fußt auf festen Traditionen, insbesondere im Judentum, wo Zahlen wie sieben (Vollkommenheit), zwölf (Stämme Israels, Apostel), oder tausend (Fülle, Weite) eine zentrale Rolle spielen. Auch das Umrechnen von Buchstaben in Zahlen – die sogenannte Gematrie – hat in vielen Religionen eine lange Geschichte. So entstehen Interpretationen, in denen Figuren wie Hitler oder moderne kulturelle Phänomene zur „666“ werden – eine problematische Vereinfachung, die den eigentlichen Sinn des Textes verzerrt.


Die Versuchung der Eindeutigkeit – und ihre Gefahr

Es ist verständlich, dass Menschen in apokalyptischen Zeiten nach Orientierung suchen. Doch die Offenbarung ist kein Katalog zur Identifikation heutiger „Biestern“. Elaine warnt: Wer das Böse nur außerhalb von sich selbst verortet, macht es sich zu einfach – und nimmt sich zugleich die Chance zur Selbstreflexion. Die Versuchung, das Böse zu externalisieren und sich selbst auf der sicheren Seite zu wähnen, kann zur gefährlichen Selbsttäuschung werden.

Gerade deshalb bleibt der Trostaspekt zentral: Die Offenbarung spricht in bedrohlichen Bildern, aber sie will keine Panik hervorrufen. Vielmehr bietet sie Schutzbilder – und fordert zugleich zur Verantwortung auf. Die apokalyptische Sprache ist ein Mittel, um Glauben zu vertiefen, nicht um Angst zu schüren. Leider, so Rudolphi, lässt sich genau diese Dynamik leicht instrumentalisieren. Wer sich selbst als Retter positioniert und anderen „Sicherheit“ verspricht, kann Angstlust in Macht ummünzen. Die Geschichte kennt solche Beispiele zuhauf – bis in die Gegenwart.


Babylon, Hybris und die Verlockung falscher Götter

Ein weiteres starkes Bild ist das der „Hure Babylon“. Heute schnell missverstanden, hat der Begriff im biblischen Kontext nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit Götzendienst. Wer sich – ob individuell oder kollektiv – von Gott abwendet und sich anderen „Göttern“ unterordnet, steht symbolisch für das, was mit „Babylon“ gemeint ist. Babylon steht auch für die menschliche Hybris, alles beherrschen und selbst göttlich werden zu wollen – ein Motiv, das bereits im Turmbau zu Babel anklingt und in der Offenbarung wiederkehrt.

In einer multireligiösen, pluralen Welt wie der der frühen Christenheit – und wie der heutigen – ist das eine bleibend aktuelle Anfrage: Wo liegen unsere Loyalitäten? Was setzen wir absolut? Und wohin führt uns unser Machtstreben – persönlich, politisch, religiös?


Ausblick: Von der Offenbarung zur Gegenwart

Zum Abschluss dieser Episode kündigen wir bereits das nächste Thema an: Die atheistische Apokalypse. In der kommenden Folge soll der Blick von der biblischen Überlieferung in die Gegenwart gewendet werden. Wie lassen sich apokalyptische Narrative heute instrumentalisieren? Wer nutzt sie, um Ängste zu schüren oder sich selbst als Retter zu inszenieren? Und welche Dynamiken entstehen daraus in Politik, Religion und Gesellschaft?

Fragen, die angesichts globaler Krisen, wachsender Unsicherheiten und digitaler Echokammern an Brisanz kaum zu überbieten sind.

TheoQuest bleibt damit, was es von Anfang an sein wollte: eine Suche nach dem Glauben – durch die Zeiten hindurch, mit wachem Blick und klarem Verstand.

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