Bei der Vorbereitung für das nächste Storytelling-Seminar habe ich mal wieder den Essay On Fairy-Stories (1938) von J.R.R. Tolkien, dem Altmeister des Erzählens, in die Hand genommen. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Geschichten schreibt, Serien auf Algorithmen beruhen und Content in Hochgeschwindigkeit produziert wird, lohnt sich ein Blick zurück. Tolkien formuliert hier eine tiefgründige, fast zeitlose Theorie darüber, was eine gute Geschichte wirklich ausmacht – und warum wir sie brauchen.

Sein Text ist mehr als eine Verteidigung des Märchens. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Fantasie, Konsistenz und Hoffnung. Drei Gedanken aus diesem Werk lohnen sich besonders für alle, die Geschichten schreiben, erzählen oder verstehen wollen.
1. Worldbuilding ist die Kunst der Immersion
Heute wird Worldbuilding oft gleichgesetzt mit komplizierten Kartenskizzen, exotischen Sprachen oder bizarren Pflanzenwelten. Tolkien jedoch sieht darin etwas ganz anderes: die Kunst, eine Welt zu erschaffen, die sich echt anfühlt – und die die Lesenden nicht mehr loslässt.
„Der Geschichtenerzähler beweist sich als erfolgreicher ‚Sub-Schöpfer‘. Er erschafft eine Sekundärwelt, in die dein Geist eintreten kann. Innerhalb dieser Welt ist das Erzählte ‚wahr‘.“
Entscheidend ist dabei nicht, was man erfindet, sondern wie glaubwürdig die Welt in sich ist. Tolkien warnt:
„In dem Moment, in dem der Zweifel aufkommt, ist der Zauber gebrochen.“
Eine Welt kann fantastische Elemente enthalten – Drachen, sprechende Bäume, Zauberringe. Aber wenn sie gegen ihre eigenen Gesetze verstößt, fällt sie in sich zusammen. Das gilt für Fantasy ebenso wie für Serien, Werbung oder Markenkommunikation.
2. Storytelling basiert auf innerer Logik
Gute Geschichten sind nicht realistisch, aber logisch. Sie folgen einer inneren Konsequenz: in der Handlung, im Verhalten der Figuren, im Ton.
Tolkien nennt das die „innere Konsistenz der Realität“:
„[Die Geschichte beruht] auf der harten Anerkennung, dass die Dinge in der Welt so sind, wie sie unter der Sonne erscheinen; auf einer Anerkennung von Tatsachen, aber nicht auf Sklaverei gegenüber ihnen.“
Ob eine Figur glaubwürdig handelt, entscheidet sich nicht daran, ob wir ihr im echten Leben begegnet sind – sondern daran, ob ihr Handeln aus der Geschichte heraus nachvollziehbar ist. Wer Logik zugunsten von Bequemlichkeit opfert, verliert sein Publikum. Wer sie ernst nimmt, kann selbst das Unglaublichste glaubhaft erzählen.
3. Die Freude am verdienten Happy End
Tolkien prägte den Begriff Eucatastrophe – die „gute Katastrophe“. Gemeint ist der plötzliche Umschwung zum Guten, das überraschende, aber verdiente Happy End. Es bedeutet:
„Eine plötzliche und wunderbare Gnade […] Sie verneint nicht das Leid, aber sie verneint die universelle, endgültige Niederlage.“
Diese Wendung ist nie kitschig. Sie funktioniert nur, wenn ihr Schatten vorausgeht: Verlust, Trauer, Schmerz. Das Glück am Ende wirkt deshalb so tief – weil es erlitten wurde.
Die letzte Szene in Der Herr der Ringe, in der Frodo das Auenland verlässt, ist kein Triumph, sondern ein stiller Abschied. Und doch: ein Trost. Ein versöhnlicher Schluss – kein Happy End im klassischen Sinn, aber eines, das sich echt anfühlt. Schmerzhaft schön.
Warum wir Geschichten brauchen
Tolkien hat mit On Fairy-Stories keine Theorie für Kinderbücher geschrieben. Sondern ein Manifest für alle, die Geschichten erzählen, lieben oder gestalten. Geschichten sind für ihn keine Flucht – sondern eine Form der Erkenntnis. Sie ermöglichen:
- Fantasie – um neue Welten zu entdecken.
- Logik – um ihnen zu vertrauen.
- Trost – um in dunklen Zeiten Hoffnung zu finden.
„Ich sehnte mich nach Drachen – mit tiefer Sehnsucht.“
Vielleicht tun wir das heute mehr denn je. Nicht, weil wir die Welt vergessen wollen. Sondern weil wir in Geschichten erfahren, was möglich wäre. Und weil wir dabei manchmal – ganz leise – daran glauben, dass es wahr sein könnte.
Aber was hat das mit Führung zu tun?
Tolkien schreibt:
„Der Geschichtenerzähler erschafft eine Sekundärwelt, in die dein Geist eintreten kann. Innerhalb dieser Welt ist das Erzählte wahr.“
Genauso funktioniert Unternehmenskultur. Als Führungskraft oder Marke schaffst du ein Umfeld, in dem Menschen sich sicher fühlen – oder eben nicht. Wenn du deine eigenen Regeln brichst („Wir sind agil“ vs. 12 Hierarchiestufen), ist der Zauber dahin. Der Moment, in dem der Zweifel aufkommt, ist der Moment, in dem die Magie versagt.
Gute Geschichten (und gute Führung) brauchen innere Konsistenz: Verhalten, das zu Werten passt. Entscheidungen, die nachvollziehbar sind. Worte, die durch Handeln gedeckt werden.
Tolkien nennt das die „innere Konsistenz der Realität“. Wenn die fehlt – kippt Vertrauen. Nicht nur in der Story. Sondern im ganzen System.
Zuletzt Tolkiens Idee der Eucatastrophe: der plötzlichen Wendung zum Guten. Nicht trotz des Schmerzes – sondern wegen des Schmerzes. Ein echter Wendepunkt in der Führung entsteht dann, wenn jemand nach einem Fehler Haltung zeigt. Wenn jemand nicht „alles wieder gut“ macht, sondern etwas Neues möglich macht.
Führung ist im Kern Storytelling. Nicht „wir erzählen irgendwas“ – sondern: Wir schaffen Bedeutung. Wir halten den Raum. Und wir geben Halt – auch wenn die Geschichte gerade weh tut.


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