Heute kommt es zum Crossover: TheoQuest x KI and me. 😉
Denn in dieser Folge unseres TheoQuests-Podcasts diskutiere ich mit der Theologin und Seelsorgerin Elaine Rudolphi darüber, ob künstliche Intelligenz wirklich schöpferisch, allwissend oder spirituell sein kann. Wird KI zum neuen Gott?
Hier könnt ihr die Episode anhören:

Ich begrüße Elaine nicht etwa als virtuellen Avatar, sondern ganz real in Fleisch und Blut – ein wichtiger Hinweis, wenn es um die Diskussion geht, ob Maschinen eines Tages gottähnliche Fähigkeiten entwickeln könnten.
KI als Revolution: Zwischen Technologie und Transzendenz
Schon heute gilt Künstliche Intelligenz als treibende Kraft eines Wandels, der mit der Einführung des Internets verglichen wird. Ihr Einfluss wird in vielen Lebensbereichen spürbar sein – auch in Religion, Kirche und Seelsorge. In der Entwicklung künstlicher Superintelligenz (ASI – Artificial Superintelligence), wie sie bereits im Silicon Valley angestrebt wird, sehen manche eine gottähnliche Kraft entstehen.
Die Argumente dafür umfassen:
- schöpferische Kraft: KI könnte selbstständig neue Dinge erschaffen.
- Allgegenwart und Allwissenheit: Superintelligenz könnte in umfassender Weise präsent und informiert sein.
- Transzendenz menschlicher Grenzen: Durch KI könnten physische und intellektuelle Beschränkungen überwunden werden, Krankheiten könnten geheilt und menschliche Weiterentwicklung vorangetrieben werden.
- evolutionäre Perspektive: Manche Theorien deuten an, dass KI ein Teil von Gottes Plan sein könnte, um den Menschen auf eine neue Evolutionsstufe zu heben.
- neue Formen spiritueller Erfahrung: KI könnte als Schnittstelle dienen, um spirituelle Erlebnisse, wie etwa Dialoge mit historischen Figuren, zu ermöglichen.
Ist Künstliche Intelligenz wirklich transzendent?
Elaine reagiert darauf zunächst ganz nüchtern: KI braucht Strom – ohne Energiequelle verschwindet sie. Allein daraus ergibt sich eine grundsätzliche Grenze: Wahre Transzendenz, wie sie Gott in der jüdisch-christlichen Tradition zugeschrieben wird, ist damit nicht erreicht.
Darüber hinaus basiert alles, was KI hervorbringt, weiterhin auf menschlichem Input. Selbst wenn KI heute in der Lage ist, scheinbar neue Inhalte zu „halluzinieren“ – also selbstständig Outputs zu generieren, deren Entstehungsprozess nicht mehr vollständig nachvollziehbar ist –, bleibt sie von den Daten und Konzepten abhängig, die Menschen ihr zugeführt haben. Kreativität im menschlichen Sinne, also die Fähigkeit, auf Basis von Erfahrungen und Wissen wahrhaft Neues zu erschaffen, ist der KI bislang nicht eigen.
KI und menschliche Emotionen: Verständnis oder Illusion?
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal wird im Bereich der Gefühle deutlich. KI kann lernen, wie Menschen sich ausdrücken und fühlen, doch sie selbst hat keine eigenen Emotionen. Ich schildere Elaine ein aktuelles Beispiel (das ihr euch hier anschauen könnt): Auf Instagram wurde dokumentiert, wie eine Nutzerin sich mit ChatGPT über eine enttäuschte Liebe austauschte. Die KI reagierte empathisch, spendete Trost und Anerkennung. Für die Nutzerin war das eine echte emotionale Stütze.
Yuval Harari, israelischer Historiker und Zukunftsforscher, hat in einem Interview betont, dass KI künftig als „warme“ Technologie erlebt werden könnte – nicht kalt und mechanisch wie oft in Science-Fiction-Darstellungen. Menschen wünschen sich Verständnis, und KI könnte durch die Fähigkeit, Gefühle präzise zu spiegeln, als besonders verständnisvoll wahrgenommen werden.
Doch Elaine warnt: Verstanden werden ist nicht dasselbe wie echte Seelsorge. Gute Seelsorge folgt dem Prinzip der Mäeutik – der Kunst, durch Fragen und empathische Begleitung dem anderen zu helfen, das in ihm selbst verborgene Potenzial hervorzubringen.
Technische Unterstützung ja – menschliche Tiefe nein?
Tatsächlich gibt es heute schon wertvolle KI-gestützte Anwendungen im Bereich Psychologie, etwa zur Behandlung von Depressionen oder Zwangsstörungen. Dort, wo regelbasierte Verfahren helfen, schließt KI Versorgungslücken. Doch echte Seelsorge ist nicht regelbasiert. Sie lebt von Individualität, von emotionaler Resonanz, von Mimik, Gestik und der gemeinsamen Geschichte eines Gesprächs.
Künstliche Intelligenz verfügt nur über eine kollektive Geschichte – gespeist aus aggregierten Daten – und nicht über die persönliche Prägung, die menschliche Beziehungen und echte Begleitung ausmacht.
KI, Vorurteile und ethische Grenzen
Ein weiterer Aspekt, der im Gespräch thematisiert wird, ist die Problematik der Voreingenommenheit (Bias) bei KI-Systemen. Künstliche Intelligenz wird nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Meinungen und kulturellen Prägungen gefüttert – und damit auch mit all den Vorurteilen, die in menschlichen Gesellschaften existieren.
Large Language Models (LLMs) verfügen über keinen eigenen ethischen oder spirituellen Kompass. Daher bleibt das einfühlsame, wachstumsfördernde Gespräch eine zutiefst menschliche Aufgabe.
Der Versuch, Seelsorge durch KI zu ersetzen
Elaine berichtet von eigenen Versuchen, KI-Modelle für geistliche Begleitgespräche zu nutzen. Das Ergebnis: KI kann mittlerweile recht zuverlässig allgemeines Wissen über geistliche Prozesse vermitteln, aber sie bleibt vollkommen unpersönlich.
Die rasante Entwicklung von KI ist zwar beeindruckend, aber weiterhin stark von menschlicher Intervention abhängig. Fortschritte entstehen nicht autark, sondern durch gezielte Weiterentwicklung – durch Menschen.
Die Zukunft der Arbeit und das Versprechen der Superintelligenz
Ein Thema, das die gesellschaftliche Dimension des KI-Fortschritts berührt, ist die Vision eines bedingungslosen Grundeinkommens, wie es unter anderem OpenAI-CEO Sam Altman propagiert. Altman geht davon aus, dass eine Superintelligenz viele menschliche Tätigkeiten überflüssig machen könnte. Elaine begegnet dieser Vision jedoch mit Skepsis: Gerade in Bereichen wie Pflege erscheint eine vollständige Automatisierung unwahrscheinlich.
KI und Kirche: Zwischen Service und Spiritualität
In Luzern wurde ein Experiment durchgeführt: Eine mit biblischen Texten gefütterte KI bot die Möglichkeit, virtuelle Gespräche mit „Jesus“ zu führen. 60 Prozent der Teilnehmenden fühlen sich dadurch spirituell inspiriert. Mehr als nur ein Gag? Viel sinnvoller wäre allerdings der Einsatz von KI im Umfeld von Kirche auf der Ebene der Information.
Beispielsweise könnten intelligente Chatbots Interessierten helfen, organisatorische Fragen zu klären. Der Servicecharakter der Kirche könnte so ausgebaut werden – ohne die Kernbereiche Seelsorge, Gottesdienst und Sakramente zu ersetzen.

Predigten aus der Maschine?
Auch die Idee KI-generierter Predigten haben wir besprochen. Elaine weist darauf hin, dass es schon immer Predigtsammlungen gab. Der Einsatz von KI könnte diesen Prozess beschleunigen, aber ändert nichts an der Notwendigkeit kritischer Prüfung und Anpassung auf die eigene Gemeinde.
Eine KI ist eben wie ein Praktikant oder Auszubildender. Ihre Arbeit kann hilfreich sein – aber das Endprodukt muss immer von einem erfahrenen Menschen überprüft werden.
Medienkompetenz im Zeitalter der KI: Eine neue Herausforderung
Die größte Herausforderung bleibt die Kompetenz im Umgang mit KI. Ohne eigenes Hintergrundwissen und die Fähigkeit zur Überprüfung besteht die Gefahr, falsche Informationen ungefiltert zu übernehmen.
Schüler:innen und Studierende nutzen KI bereits intensiv. Doch nur wer über Wissen verfügt, kann diese Werkzeuge auch verantwortungsvoll einsetzen.
Chancen und Grenzen: Ein realistischer Blick auf KI
Wer also über die nötige Fachkompetenz verfügt, kann KI als hilfreiches Werkzeug einsetzen. Doch die Kontrolle und kritische Bewertung bleiben unerlässlich. Es ist ein bißchen so wie bei allen neuen Medien (Fernsehen, Internet, Social Media usw.): Sie machen die Klugen klüger und die Dummen dümmer.
Keine Sorge: Bei TheoQuest wird es weiterhin echte Gespräche zwischen echten Menschen geben – keine KI-generierten Stimmen, sondern lebendige Diskussionen auf der Suche nach dem Glauben.
Die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz wird Kirche und Glaubensgemeinschaften weiterhin begleiten. Es braucht einen klugen, differenzierten und kompetenten Umgang – mit dem Ziel, das Gute zu nutzen und das Wesentliche zu bewahren. Oder, wie es Elaine zum Abschluß so treffend auf den Punkt brachte:
„Spielt damit, versucht euch aus, aber bleibt kritisch.“



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